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Dienstag, 23. Februar 2010
Während ich das hier schreibe, sitze ich in meinem kleinen Zimmer in den Subtropen und trage unter anderem zwei Paar Wollsocken, einen Schal, zwei Pullover, eine wattierte Jacke und eine Steppdecke. Pünktlich zum Ferienbeginn vor einer Woche sind die Temperaturen hier auf Dezemberniveau zurück gefallen und Petrus hat alles, was er an Wolken und Wasser aufbieten kann, gerecht über der ganzen Insel verteilt.
Trotzdem habe ich eine sehr schöne, erholsame und vor allem abwechslungsreiche Woche verbracht. Nach einer ausgedehnten Geburtstags- und Juchuh-wir-haben-endlich-frei-Party mit vielen Mitlernern bzw. Mitleidenden am Freitag Abend bin ich Samstag früh mit dem Fernbus in den Süden Taiwans gefahren um dort das Neujahrsfest mit meiner Gastfamilie zu feiern. Wie auch bei uns werden die Feiertage in Taiwan vor allem mit Essen, Geschenken und Fernsehen verbracht – und mit Zocken. Zocken? Neben den allgegenwärtigen Computerspielen werden hier zum Neujahrsfest (und in den meisten Familien ausschließlich zu dieser Zeit) die Mahjongspielsteine herausgeholt – und die Geschenke gleich dazu. An Geschenken wechseln hier zum Neujahr nämlich weder Socken noch Krawatten den Besitzer, sondern ausschließlich rote Umschläge. Diese enthalten Geldscheine, die beim Mahjongspielen sehr nützlich sind, denn gespielt wird um Geld – und mit Pfennigbeträgen fängt man selbsverständlich gar nicht erst an. Wer im Übrigen wem wann einen solchen roten Umschlag zu schenken hat und welche Anzahl an Scheinen darin enthalten sein darf oder muss (Zahlen können schließlich sehr viel Glück oder eben auch Pech mit sich bringen) ist ein Forschungsgebiet für sich. Selbst wenn ich das System völlig durchschaut hätte, würde das Erläutern desselben den Rahmen dieses Blogs wohl sprengen. Statt langer Erklärungen lieber eine kurze…
Momentaufnahme: Nach einem ausgedehnten und reichhaltigen chinesischen Fondue (Hotpot) sitzt die Familie am „Sylvester“abend gemeinsam im Wohnzimmer der Großeltern, das vor allem von jahrzehntelanger Sammelbegeisterung geprägt ist. Eine ganze Seite des engen Raums wird vom Familienaltar eingenommen, der an diesem Abend vor lauter Opfergaben noch bunter ist als sonst. Der Geruch von Essen und Weihrauch dringt in jeden Winkel. Auf dem großen Flachbildfernseher tanzt und singt Lady Gaga, halbnackt. Oma, Mutter und zwei der Enkel spielen Mahjong, so einiges an Geld wechselt zum zweiten Mal an diesem Abend den Besitzer. Die Schreie der Spieler werden zunehmend spitzer. Ein anderer Enkel spielt am Computer neben dem Fernseher Counterstrike, laute Schüsse, Stöhnen und Seufzer weben sich in den Klangteppich ein. Der kleinste, 16-Monate alte, Enkel wankt in einem T-Shirt mit der Aufschrift Baby Doll durch den Raum, er übt mit vor Begeisterung offenem Mund seinen Hüftschwung. Seine Eltern haben ihm ein Handy um den Körper gebunden, das sein momentanes Lieblingslied (ihr ahnt es schon…) Sorry Sorry Sorry in Endlosschleife spielt. Der Rest der Familie sitzt auf Sesseln und dem Boden und versucht, in ihren Gesprächen alles andere zu übertönen. DAS also ist die wahre Bedeutung von renao.
So sehr ich das Neujahrsfest im Kreise meiner Gastfamilie genossen habe – und renao beinhaltet die Konnotation fröhlich und herzerwärmend – so froh war ich dann auch, am Montag Mittag wieder aufzubrechen. Auf der Suche nach ein paar Tagen absolutem Kontrastprogramm zu Taipeis Hektik und Lärm war ich ganz im Südosten Taiwans fündig geworden. Dort fand mitten in der Wildnis eine Art Hippie-Zeltlager im Kleinen statt. Ich hatte einige der Organisatoren zufällig in Taipei kennen gelernt und beschlossen, dass ihr Kreis genau das Richtige war, um meine wenigen freien Tage zu füllen. Zelten im Grünen, nette Leute, das Meer, die Sonne… was kann man sich sonst noch wünschen? Mit letzterer hat es zwar leider nicht so recht geklappt: die Sonne schien im sonst so sonnigen Süden bis zu dem Tag, an dem ich ankam - und ab dem Tag, an dem ich wieder in Taipei war. Der Rest meiner Rechnung ist allerdings aufgegangen. Schwimmen im Pazifik (wenn auch aufgrund stürmischen Wellengangs jeweils mit drei Aufpassern und potentiellen Lebensrettern am Ufer), sehr nette und spannende Menschen (ohne wenn auch) und sogar mehr Wildnis, als ich erwartet hatte. Wir haben inmitten von Bäumen und Gebüsch gezeltet, das von keinen menschlichen, sondern nur von Pfaden halbwilder Wasserbüffel durchzogen war. Mit Macheten und Äxten haben wir uns kleine, von Menschen begehbare Pfade in das dornenbewehrte Gestrüpp geschlagen und unsere Zelte auf einer von Bäumen beschützten und von weichen Kiefernnadeln bedeckten Lichtung unweit vom Meer aufgeschlagen. Taipei war dort unglaublich fern. Die Entfernung von Lärm und Zivilisation hat so einiges an Anreise- und Findemühseligkeit mit sich gebracht, war es aber mehr als wert. Für die geradezu lächerliche Entfernung von 169 km vom Haus meiner Gastfamilie bis zu unserer Lichtung habe ich über 8 Stunden gebraucht. Mit dem Auto, mit diversen Bussen und Taxis und zuletzt bei Nacht zu Fuß durch besagtes Gestrüpp. Auf dem Weg und auf der Suche habe ich sehr viele hilfsbereite Menschen kennen gelernt, zu guter letzt beispielsweise einen sehr galanten Kanadier, der seine ebenfalls zeltenden Freunde lange alleine gelassen hat um sicherzustellen, dass ich auf dem langen Weg durchs dunkle Gestrüpp nicht von einem Wasserbüffel gefressen werde.
Momentaufnahme: Es regnet. Wir sind jedoch vorbereitet und haben eine riesige Plane zwischen ein paar Bäumen aufgespannt. Zu schicksalhaften neun – der nächstgelegene Ort heißt Jiupeng, was so klingt wie neun Freunde auf Chinesisch und fast so geschrieben wird – sitzen wir unter unserer Plane um ein kleines Feuer herum. Unsere Bäuche sind warm von über dem offenen Feuer gekochten Gemüseeintopf und süßem Chrysanthementee. Es wird gegen den Regen angetrommelt, geflötet, Gitarre gespielt und gesungen. Zwischendurch ist Raum für mehr als ein anregendes Gespräch. An diesem Abend haben neun sehr verschiedene Freunde den Weg ins Wasserbüffelland gefunden. Im Alter zwischen Anfang 20 und Anfang 50, kommen sie aus Taiwan, Polen, England, Amerika, einer ist gar auf einem Segelboot aufgewachsen. In der Stadt sind sie Englischlehrer oder Berufshippies, einer ist Tänzer, dem modernen Tanz verschrieben, einer Journalist, einer Soziologie-Doktorand, einer ist Musiker und Kinderliedautor, ein anderer Hochschuldozent und Betelnussspezialist. Hier ist das alles jedoch nicht so wichtig, hier zählt der Rhythmus, den man trommeln kann, die Geschichten, die man erzählen kann. Plötzlich schreit einer, es ist der Tänzer, er springt auf, zieht sich die Hose aus und tanzt in Unterhose um das Feuer. Er schreit irgendetwas von riesigen Insekten, von Kakerlaken. Einer nach dem anderen beginnt zu lachen – der arme Junge, der Jüngste im Kreis, hat wohl zu viel getrunken? Verzweifelt schüttelt der Tänzer seine weite Sporthose. Der Übeltäter kommt nur widerwillig zum Vorschein: es ist nicht der Alkohol, sondern ein handgroßer Krebs der sich vom nahe gelegenen Strand an unser wärmendes Feuer verirrt hat – nicht alleine, wie sich im Laufe des langen Abends herausstellen wird. Die Musik nimmt wieder ihren Lauf. Ja der Krebs will heute tanzen, durch den Sand und durch die Nacht… 
Während im Süden also seit Samstag wieder die Sonne scheint, bin ich seit Freitagabend wieder in der großen Stadt und habe das Wochenende eher unmusikalisch im kalten Regen Taipeis mit dem Abtragen von Hausaufgabenbergen zugebracht.
Liebe Grüße und noch einmal ein erfolgreiches Jahr des Tigers an euch alle!
Kerstin
PS Am Donnerstag bekomme ich wieder Besuch aus Deutschland (Juchuh!) - höchstwahrscheinlich wird also eine Weile Funkstille herrschen.
Am Rande: Die schon einmal erwähnte Tageszeitung Taipei Times hat augenscheinlich eine Vorliebe für Fotos südkoreanischer Soldaten beim Training. Mal springen sie in der Gruppe händchenhaltend ins eisige Meer, mal tanzen sie auf dem Schlachtschiff zu sorry sorry sorry (kein Witz!). Immer aber sehen sie dabei sehr gut aus - und immer haben die Bilder absolut nichts mit den sie umgebenden Artikeln zu tun...
Freitag, 12. Februar 2010
Eine Woche voller Prüfungen geht zu Ende und ich bin fix und fertig – und glücklich, weil ich nun eine ganze Woche frei bekomme. Am morgigen Samstag ist nämlich der letzte Tag des chinesischen Mondjahres, am Sonntag beginnt das Jahr des Tigers. Da das chinesische Neujahr in seiner gesellschaftlichen Bedeutung ungefähr unserem Weihnachtsfest entspricht, muss in der nächsten Woche niemand arbeiten - oder lernen. Soweit es nur irgend geht, fährt jeder Taiwanese (oder auch Chinese) in dieser Zeit zu seiner Familie. Man sagt, Taipei verliere in dieser Woche über die Hälfte seiner Einwohner, so gut wie alle Läden haben geschlossen. Diese Geisterstadt werde ich allerdings nicht erleben, da ich morgen früh mit 1,5 Millionen anderen nomadierenden Hauptstädtern gemeinsam per Bus Richtung Süden aufbrechen werde. Ich werde die Feiertage wie es sich gehört mit meiner (Gast)familie in Tainan bzw. zum Teil mit den (Gast)großeltern in Pingdong verbringen. Selbstverständlich werde ich berichten! Und: Ich freue mich schon auf den Stau.
Das kommende Neujahr kündigt sich schon seit Wochen unübersehbar an. Es ist ein bisschen wie Adventszeit – und doch wieder ganz anders. Einige Läden haben Lichterketten aufgehängt, die ganze Stadt ist von einem roten Teppich Glück ausdünstender Dekoration überzogen. An allen Ecken prangen Fische, Drachen, Tiger und verschiedenste Schriftzeichen, die das Glück in all seinen Variationen herbeirufen. In den Restaurants gibt es besonderes Essen, an den Straßenständen besonderes Gebäck und in den Supermärkten stapeln sich die überdimensionalen Geschenkkartons voll besonderer Leckereien. Vorfreude liegt in der Luft. Die Menschen sind ausgelassener, noch freundlicher als sonst. Und doch ist es ganz anders als die Vorweihnachtszeit... Besinnlichkeit ist kein sehr chinesisches Konzept. Mein bevorzugtes Online-Lexikon, das nach eigenen Angaben inzwischen „145096 chinesische Einträge“ enthält, kennt nicht einmal eine Übersetzung für diesen Begriff. Feiertage haben hier renao zu sein, was so viel heißt wie laut und lebendig.
Dementsprechend verhält sich auch die chinesische Version eines Weihnachtsmarktes. Nach Abschluss meiner letzten Prüfungen am Donnerstag bin ich mit einem ganzen Haufen Kommilitonen zu einer der ältesten Straßen Taipeis gefahren. In dieser werden traditionelle chinesische Medizin sowie verschiedenste Leckereien verkauft. Auch zu normalen Zeiten schon ziemlich belebt, wird die Dihua Straße in den Wochen vor dem chinesischen Neujahr zu einem Getümmel, das jeden Weihnachtsmarkt übertrifft. Zusätzlich zu den schon vorhandenen Läden drängt sich nun Stand an Stand. Marktschreier mit Megafonen in der Hand erheben sich aus dem Menschenmeer empor, indem sie mitten in der engen Gasse Leitern aufstellen. Verkaufsassistenten in Kostümen aller Art versuchen Passanten mit schmeichelnden Worten oder auch handfesten Gesten zu bestimmten Ständen zu treiben, strandgutgleich bleibt einem nichts anderes, als sich von der Menge mitspülen zu lassen. Links getrocknete Tintenfische, rechts gigantische Säcke voll Haselnuss und Mandelkern, ein Stückchen weiter links taiwanesischer Oolong Tee, rechts riesige Bottiche mit echt deutschen Gummi-Süßigkeiten. Alles was an Ess- oder Trinkbarem angeboten wird, kann man vor dem Kauf auch probieren, ein unablässiger Reizfluss also nicht nur für Augen und Ohren, sondern auch für die Zunge.
Das Jahr des Tigers also. Die 12 chinesischen Tierkreiszeichen haben hier immer noch eine relativ große Bedeutung. Nicht nur in privaten Liebesangelegenheiten, auch bei der Besetzung wichtiger Stellen werden die Tierkreiszeichen mit berücksichtigt. Anscheinend korreliert selbst die Geburtenrate Taiwans mit den 12 Patenwesen. So steigt die extrem niedrige Geburtenrate Formosas zur Freude hiesiger Politiker wenigstens in den Jahren, die Glück verheißenden Tieren zugeordnet sind. Wer möchte schließlich nicht einen starken kleinen Drachen oder ein glückliches kleines Schwein als Kind haben? In diesem Jahr allerdings dürfte diese Rate, zumindest wenn meine Lehrerin Recht behalten sollte, noch tiefer als sonst sinken. Tiger gelten zwar als starke, aber auch sehr eigensinnige Wesen. Ein Tiger zu sein, bringt viele Unannehmlichkeiten mit sich. Weil der Geist des Tigers so stark ist, dass er schwache Wesen verletzen kann, ist er bei Anfängen aller Art ungern gesehen. Tiger dürfen an Hochzeiten wenn überhaupt nur am Rande teilnehmen. In die Nähe des Brautpaars oder gar in deren Zimmer dürfen sie auf keinen Fall. Am (Wochen-)bett frisch gebackener Mütter haben sie ebenfalls nichts zu suchen. Bevor man sich also so einen kleinen Tiger ins Haus holt, wartet man doch lieber noch ein paar Monate mit dem Kinderkriegen.
Mein Jahr beginnt jedenfalls trotz Tiger schon einmal unter guten Vorzeichen, bzw. mit gutem Karma. Letzten Sonntagnachmittag war ich in einem Park in meinem Viertel um mit allerlei mir anfangs fremder Menschen, zum größten Teil wohl als Hippies zu bezeichnen, gemeinsam zu essen, zu reden, zu singen. Nach einem Nachmittag voll anregender Gespräche mit Menschen aller Nationen, Altersgruppen und Lebensläufe hat mich einer meiner neuen Bekannten gleich zu einem Meditationskurs mitgenommen, an dem er Sonntagabends regelmäßig teilnimmt. Bevor es mit der Meditation losging, haben alle Teilnehmer gemeinsam Tee getrunken. Weil alles andere sehr unhöflich gewesen wäre, habe ich mit der jungen taiwanesischen Frau, die neben mir auf dem Boden saß, ein Gespräch angefangen. Kurz darauf haben wir die meditative Atmosphäre zerrissen, mit Schreien, wie sie wohl nur Mädchen hervorbringen können. Der Grund? Spring, wie sie auf Englisch heißt, hat mehrere Jahre in London mit der Tochter guter Freunde meiner Eltern in einer WG zusammen gewohnt. Weil diese Tochter sehr nett ist, hatte sie, als ich einsam nach Taipei kam, den Kontakt zwischen Spring und mir hergestellt. Seit Monaten hatten wir uns immer mal wieder geschrieben, uns gegenseitig zu unseren Partys eingeladen, aber wie das nun mal gerne so ist, hatte das mit einem Treffen nie geklappt. Bis wir an diesem Sonntagabend unter den nicht ganz 3 Millionen Einwohnern Taipeis unerwartet zueinander fanden. Nicht nur unsere, sondern auch die Freude aller Umsitzenden war groß, gemeinsam stießen wir mit Pu-Erh-Tee auf unsere gute Karma-Verbindung an.
Ein frohes Neues bzw. xinnian kuaile und ebenfalls gutes Karma euch allen!
Kerstin
Am Rande: Wo wir heute beim Thema Rot sind: alle in den 80ern Geborenen gehören hier der Erdbeergeneration an. Das hat nichts mit Tier- oder etwaigen Obstkreiszeichen zu tun, die Erdbeere gehört in die Reihe Golf, X und Praktikum. Weder aufgrund unseres ansprechenden Äußeren noch unseres süßen Inneren werden wir jedoch so genannt… Erdbeeren kommen bekannterweise häufig aus geschützten Gewächshäusern und dellen schon beim kleinsten Druck ein. Hmpf.
Samstag, 6. Februar 2010
Zum ersten Mal seit einigen Jahren bin ich plötzlich wieder die Deutsche. Meine Freunde hier sind größtenteils Amerikaner, dazu ein paar Taiwanesen und ein, zwei Europäer. Was ich anziehe, was ich esse, was ich sage, was ich tue – alles wird zu einer Repräsentation der Deutschen. Deutsche ziehen sich eleganter an als Amerikaner und bodenständiger als Taiwanesen. Deutsche essen gesünder sowohl als Amerikaner als auch Taiwanesen. Deutsche sind pünktlich, zuverlässig und fleißig. Deutsche mögen Ironie. Deutsche trinken gerne Bier. Deutsche sind höflicher und zurückhaltender als Amerikaner und direkter und offener als Asiaten: ich bin ein wandelndes Stereotyp. Manchmal ist es anstrengend, für 80 Millionen andere zu stehen, welch eine Verantwortung. Es kann allerdings auch befreiend sein, wenn persönliche Eigenheiten plötzlich der nationalen Identität zugeschrieben werden. Dadurch wird vieles ungefragt akzeptiert: naja, so sind sie halt, die Deutschen.
Es ist allerdings keineswegs nur so, dass andere mich durch eine schwarz-rot-gold gefärbte Brille hindurch betrachten. Vielmehr bemerke ich an mir selbst Tendenzen, mich in die Deutschen-Schablone hineinzuquetschen. Immer wieder bestärke ich selbst die Vorurteile (of course (I'm on time / like cake...), I’m German). So trinke ich beispielsweise hier häufiger Bier als in Deutschland – was zwar auch an der Mädchenbierhaftigkeit der hiesigen Marken liegen mag, aber eben auch daran, dass man das als Deutsche(r) so macht. Es wird von mir hier nicht anders erwartet und in einer seltsam verqueren Logik gibt es mir ein Zugehörigkeit Gefühl zu EUCH, die ihr das hier liest, derartige Erwartung zu erfüllen. Es grenzt mich ab von puritanischen Amerikanern wie alkoholunverträglichen Taiwanesen. Das Biertrinken soll an dieser Stelle selbstverständlich nur als besonders anschauliches Beispiel dienen, der beschriebene Prozess lässt sich auf alles mögliche andere übertragen.
Ich bin hier nicht nur German, sondern gleich crazy German. Besonders Amerikaner scheinen der Meinung zu sein, dass Germans vor allem durch dieses eine Adjektiv zu beschreiben sind. Selbst dieses Vorurteil schaffe ich, zu erfüllen, was zugegebenermaßen auch nicht besonders schwierig ist. Als der ICLP Karaoke-Kurs eines Freitagabends endlich einmal gemeinsam in einen echten Karaoke-Club gegangen ist um das Geübte anzuwenden, habe ich alle Vorurteile bestätigt. Ich habe a. (ein?) Bier getrunken und war b. dafür zuständig, die Biere aller anderen Biertrinker zu öffnen, weil mangels Flaschenöffner kein anderer dazu in der Lage war. Die crazy German, die Bierflaschen ua mit Essstäbchen öffnet, hat alle schwer beeindruckt. Auch die Geschichte von dem crazy German alcohol, die ich einem Mitstudenten zu seinem 21. Geburtstag geschenkt habe, hat schon die Runde gemacht (ein 0,02L Fläschchen Schwarzwälder Kirschwasser…). Rückzug in das Boot nationale Identität im stürmischen Meer der Kontingenzen... da kann ich mich in Deutschland noch so sehr als Europäer oder Weltbürger fühlen, und doch brauche ich hier in der Fremde anscheinend eine geistige Form von Heimat – und sei sie noch so schwammig definiert.
Wisst ihr, was ich in Sachen Heimat im Moment am meisten vermisse? Von Menschen abgesehen, meine ich. Nein, es sind weder Brezeln noch Kartoffelgerichte… und noch nicht einmal der sonnengereifte badische Wein. Es ist der Schwarzwald und die Rheinebene. Also sogar so etwas wie konkrete „Heimat“. Vor kurzem war ich hier im größten Park der Stadt joggen, wie meistens unter bewölktem Himmel, von Autolärm und Menschen umgeben. An einem Ende des Parks gibt es eine kleine Inlineskatefläche. Wie eine Eisbahn nur eben ohne Eis. Ich stand dort ein Weilchen und schaute den Kindern beim Fahren zu. Dabei spürte ich nicht nur mein Herz, sondern meinen ganzen Körper schwer werden. Wie viele Sonntage habe ich damit verbracht, stundenlang unter der Freiburger Sonne mit meinen Inlineskates durch die Gegend zu fahren? Einfach aus der Haustür raus, an der Dreisam entlang und darüber hinaus, je nach Laune Richtung Schwarzwald oder Richtung Rheinebene und Frankreich. Durch Felder, Wälder, Wiesen und Dörfer, einfach so, kilometerweit, bis ich entweder keine Lust oder Luft mehr hatte. Diese Bilder und das damit verbundene Gefühl von Freiheit in meinem Kopf passten so gar nicht zu der kleinen, von Menschen überfüllten Betonfläche vor meinen Augen.
Um fair zu sein: auch in Taipei gibt es nicht nur einen, sondern gleich mehrere Flüsse. Auch an diesen führen Radwege entlang, die zumindest streckenweise für eine Großstadt auch anständig von grün umgeben sind. Aber die großen Freeways sind nie fern und vor allem am Wochenende die anderen Ausflügler auch nicht. Um mich ein wenig von meinem Skate-Entzug abzulenken, bin ich letzten Samstag mehrere Stunden lang alleine am Danshui-Fluss entlang gefahren. Oder eben ganz und gar nicht alleine. Das Radfahren in Kolonne hat es nicht geschafft, mir meine Sehnsucht zu nehmen.
Heute, Samstag, habe ich den Nachmittag und Abend in einem meiner Lieblings-Cafés zugebracht, um a. dem Regen und b. meinem kleinen Zimmer zu entfliehen während ich mich auf meine Midterm-Prüfungen nächste Woche vorbereite. Da das Konzept Café aus Europa importiert ist, ist auch dieses Café wie die meisten hier sehr europäisch anmutend. In gepolsterten Ledersesseln an Holztischen mit grünen Glaslampen darauf, umgeben von Regalen voller Bücher, Jazz und Klassik im Hintergrund, lässt es sich sich im La Bohème gut lernen. Und auch wenn die Bücher in diesem Café auf Chinesisch sind, sind es die meisten Autoren nicht: von Durkheim über Kundera bis zu Abhandlungen über das Genre Schwulenfilm im 20. Jh ist alles dabei, was man scheinbar als moderner Intellektueller so zu lesen hat. Eine Heimweh verdrängende Oase? Zumindest bis die Bedienung fragt, ob ich meinen Cappuccino warm oder kalt möchte.
Liebe Grüße aus Taipei!
Kerstin
PS. Na klar, Deutsche sind gerne draußen in der freien Natur. Und gerne alleine. PPS. Taipei gefällt mir trotz allem immer noch sehr gut.
Am Rande: Die Taipei Times, große englischsprachige Tageszeitung, bringt uns täglich neben der Wettervorhersage auch die aktuelle lunar prophesy – also das, was laut chinesischem Mondkalender an diesem Tag unter einem oder keinem besonders guten Stern steht. Da steht dann zum Beispiel: Today is a good day for: Cutting cloth for a bride’s dress, bathing, oder: Today is a bad day for: removing mourning clothes, all auspicious activities. Neulich standen wir eines montagmorgens im Aufenthaltsraum der Uni und erfuhren die Tagesagenda: Today is a good day for: putting people in coffins.
Sonntag, 24. Januar 2010
Heute mal ein Sonntagsroman… der Lesbarkeit halber in Häppchen aufgeteilt 
Schwarzer Himmel Letzte Woche hatten wir 3 GANZE TAGE SONNE – hintereinander! Ich bin hin und weg und möchte daher diese Gelegenheit nutzen, um euch kurz meinen Campus vorzustellen. Im Sonnenlicht sieht alles erstens gleich dreimal so gut aus – und zweitens kann ich so beim Bilder aussuchen selbst ein wenig in guten Erinnerungen schwelgen. Die Sonne hat sich nämlich inzwischen schon wieder tief verschleiert. Die National Taiwan University, die immerhin schon 82 Jahre auf dem Buckel hat, hat verschiedene Campuse – laut Wikipedia machen diese insgesamt ca 1% des ganzen Landes aus (und das, obwohl es neben der Taida noch eine unüberschaubare Anzahl anderer Unis gibt). Ich studiere auf dem Hauptcampus mitten in Taipei. Es ist eine Art grüne Insel mitten in der Stadt, voll palmengesäumter Alleen mit unzähligen Radfahrern, dazu Teiche und Pavillons. Ein beliebtes Naherholungsziel der Städter.
Schwarze Zukunftsaussichten A propos Uni. Dass das taiwanesische Bildungssystem sehr auf Tests fixiert ist, mag ich schon mal erwähnt haben. Es gibt ständige Prüfungen: Wochenprüfungen, Monatsprüfungen, Halbsemesterprüfungen, Semesterendprüfungen. Ein Grundschüler lernt des Weiteren monatelang für die Eingangsprüfung zur Mittelschule, ein Mittelschulschüler für die Eingangsprüfung zur Highschool und ein Highschooler für den großen Universitätseingangstest. Da die Tests jeweils eine unglaubliche Menge an (auswendig gelerntem) Wissen erfordern, aber jeweils die Qualität der nachfolgenden Schule und damit den weiteren Werdegang des Lernenden bestimmen, hat man hier bis man 18 (und hoffentlich auf der Uni) ist kein Leben in unserem Sinn. Selbst das Fach, das man an der Uni studiert, wird häufig von Testergebnissen und nicht von eigenen Interessen bestimmt. So sind auch meine Lehrerinnen zumindest teilweise dem Sprachenstudium zugeteilt worden. Eine Lehrerin erzählte mir, wie froh sie sei, nicht in BWL gelandet zu sein – sie sei eine Matheniete. Mit chinesischer Linguistik dagegen habe sie sich anfreunden können. Diejenige, die so gute Ergebnisse haben, dass sie sich tatsächlich ein Fach aussuchen können, haben dann noch das zweite Problem, dass oft die Eltern den Bewerbungsbogen für die Kinder ausfüllen – und die Wünsche der zukünftigen Studenten da nicht immer eine große Rolle spielen. Dementsprechend motiviert sind hier auch viele Studenten... Jedenfalls: Nicht nur um an eine bestimmte Schule zu dürfen, auch um einen bestimmten Arbeitsplatz zu bekommen muss man zunächst die dazugehörige Prüfung bestehen. Gestern aber haben es die Taiwanesen mal wieder geschafft, mich zu überraschen. Es ging im Unterricht darum, dass es in Taiwan inzwischen viel zu viele gut ausgebildete Menschen und zu wenig Arbeit für diese gibt. Viele Master-Absolventen und sogar Inhaber eines Doktortitels arbeiten daher in einfachen Jobs. Besonders beliebt sei unter anderem der Job des Müllmanns, weil das immerhin eine Stelle im öffentlichen Dienst mit regelmäßigem Verdienst und sozialer Absicherung sei. Leider aber würden nicht alle Doktoren die Eingangsprüfung zum Müllmannberuf schaffen. Dazu gehöre unter anderem, mit einem 20kg Sack in den Armen mehrfach hin- und her zu rennen.
Schwarze Menschen I Dass Taiwanesen extrem rassistisch sind, habe ich schon mehrfach seit ich hier bin, erfahren müssen. Auch wenn sie etwas seltener als bei den Festlandchinesen auf der anderen Seite der Taiwanstraße aufkommen, die Themen Blut, Rasse und Volk sind hier gängige Begriffe und beliebte Gesprächsthemen. Immer wieder erzählen mir beispielsweise Taxifahrer, wie gut es sei, dass ich einer der „guten“ weißen und nicht der „schlechten“ arabischstämmigen – oder noch viel schlimmer richtig „schwarzen“ Ausländer sei. Gut, Taxifahrer sind ja so eine Sache. Letzte Woche allerdings hatten wir eine Diskussion über Rassismus im Unterricht – wo es mal wieder eine Lehrerin geschafft hat, mir allen Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie selbst sei ganz und gar nicht rassistisch. Sie habe zwar eine Phobie, aber das sei schließlich etwas vollkommen anderes. Wie sich diese Phobie äußere? Als sie zum Beispiel in die USA geflogen sei, wo sie immerhin ein Jahr verbracht hat, habe sie vor dem Flug vor Angst nicht schlafen können. Angst hatte sie allerdings nicht vor einem Flugzeugabsturz, sondern davor, dass sich ein dunkelhäutiger Mensch im Flugzeug neben sie setzen könnte und sie für Stunden neben diesem gefangen sei. Sie habe nämlich unglaubliche Angst davor, einen solchen Menschen aus Versehen zu berühren – aus Angst, dieser färbe ab und ihre Haut werde dadurch automatisch ebenfalls dunkler. Vielleicht ist es fairerweise auch eher eine Art Naivität als echter Rassismus – wobei ich nicht wüsste, wo genau die Grenze zwischen beiden zu ziehen ist. Ein dunkelhäutiger Englischlehrer hier erzählte von einem Pärchen, dass ihn beim Kaffeetrinken in einem Café nicht nur unablässig angestarrt habe – sondern als er gegangen sei sofort seinen Platz genauestens untersucht habe, ob seine Haut nicht vielleicht doch irgendwo Spuren verlassen habe.

Schwarze Menschen II Als Gegenbild zum Schirmbild im letzten Eintrag sollen die obigen beiden Bilder dienen. Mit der Sonne verschwinden nämlich die Schirme nicht – im Gegenteil. Helle Haut ist absolutes Schönheitsideal. Dunkel geht wie gerade schon beschrieben gar nicht. Schirme mit UV-Beschichtung sind da das mindeste – im Sommer wickelt sich manch eine Dame hier zusätzlich in lange Kleidung inklusive Handschuhe ein – und das bei schwülheißen subtropischen Zuständen. Manch eine schlingt sich gar einen Schal übers Gesicht. Im Supermarkt habe ich häufig große Probleme, eine Hautcreme zu finden, die KEINE Bleichungsmittel enthält.
Schwarze Musik In den letzten Beiträgen habe ich euch ja schon einen kleinen Einblick gegeben in die Musik, die hier gerade angesagt ist. Gottseidank gibt es neben weichgespültem koreanischen und Mando-Pop auch noch anderes. Taipei hat sogar eine relativ lebendige Musikszene. Eine Band vom ganz anderen Ende des Spektrums ist beispielsweise Chthonic. Chthonic ist nicht nur die bekannteste Metal-, sondern sogar Black-Metalband Taiwans. In ihren Texten geht es statt um die in Europa übliche christlich-heidnisch-satanistische Thematik um die Götter und Helden der taiwanesischen Gesichte. Wenn Chthonic nicht gerade auf einer der verschiedenen taiwanesischen Ureinwohnersprachen, auf Taiwanesisch oder auf Englisch singen, singen sie gerne auf klassischem Chinesisch – das ist ein bisschen so, als würde man bei uns auf Latein singen. Außerdem benutzen sie eine Erhu, ein traditionell chinesisches Saiteninstrument. Politisch stehen sie für die Unabhängigkeit Taiwans, weswegen ihre Musik anscheinend auch in weiten Teilen Chinas verboten ist.
Woher mein plötzliches Interesse an Metal? Ist eine etwas längere Geschichte… Vor einer Woche am Sonntag Abend fand hier ein Konzert einer finnischen Metalband (Ensiferum) mit einer taiwanesischen Band (nicht Chthonic) als Vorband statt. Eigentlich wollte ich mit meiner Mitbewohnerin hingehen, bin dann aber doch zu Hause geblieben, um, brave Studentin die ich nun mal (leider?) bin, meine Übersetzung aus dem klassischen Chinesisch ins moderne und einen Aufsatz über Einwanderungspolitik zu vollenden. Habe ich danach ziemlich bereut… Nicht nur, dass das Konzert wohl sehr spaßig war, sondern mir ist dadurch auch so einiges an sehr interessanten Gesprächen entgangen. Mitten in der Nacht wurde ich nämlich von einem Anruf Karens, meiner amerikanischen Mitbewohnerin, aus dem Schlaf gerissen. Sie hieß mich und Theresa, meine taiwanesische Mitbewohnerin, sofort aufstehen und sie in einer Bar in der Nähe aufsuchen. Sie hänge gerade mit lauter Metalern rum, es sei unglaublich toll und wir könnten uns diese Chance auf keinen Fall entgehen lassen. Meine erste Reaktion war: du hast wohl zu viel getrunken – ich schlafe! Nach dem Auflegen habe ich allerdings feststellen müssen, dass ich plötzlich hellwach war. Also habe ich Theresa, die noch wach war, aufgesucht und nach ein paar Minuten Diskussion (Sie: Karen hat so was noch nie gemacht, das muss was Besonderes sein. Ich: Sollen wir vielleicht hingehen? Sie: Ich gehe nicht, aber du solltest unbedingt gehen! Ich: Ich gehe nicht ohne dich! Etc) haben wir unsere Schlafanzüge gegen die am schnellsten greifbare Kleidung getauscht und sind auf zur Bar. Dort saß Karen mit Ensiferum und Chthonic, die 2007 mit Ensiferum auf Europatournee waren und nun die Finnen in Taipei herumführten. Beide Bands haben im Übrigen schon in Wacken gespielt (nb: falls jemand den Film Full Metal Village nicht kennen sollte: unbedingt anschauen!). Fragt nicht, Karen kann so was einfach. Leider ist Chthonic dann ziemlich bald gegangen, so dass ich nicht besonders viel mit ihnen reden konnte. Dafür dann umso länger mit den Finnen. An sich Klischee-Metaler, wie man sie sich kaum besser ausdenken könnte. Aber, natürlich, harte Schale… Wir saßen bis morgens früh erst in der Kneipe, dann mit der halben Band in unserem Wohnzimmer. So kam es, dass ich mitten in Taipei bis zum Morgengrauen mit einem finnischen Metal-Schlagzeug-Veteranen über das Leben philosophierte… mehr als spannend.
À la prochaine!
Kerstin

Am Rande: Schwarze Arbeit Gestern hat mir eine Englisch-Lehrerin für Kindergartenkinder von Fluchtübungen erzählt, die sie regelmäßig absolviere. Vom Dach des Kindergartens aufs Nachbardach. Von dort aufs nächste Dach, runter in den dortigen Innenhof, über drei Zäune hinweg auf die Straße. Ein ausgefeilter Erdbebenschutzplan? Angst vor bewaffneten Überfällen? Vor rabiaten Eltern? Schlichte Kinderphobie? Weit gefehlt. Es ist die Angst vor der Polizei, die sie und ihre Kollegen treibt. Englisch schon im Kindergartenalter zu unterrichten, ist hier nämlich seit einiger Zeit illegal. Weil Studien anscheinend gezeigt haben, dass ein solches Treiben wenig bringt, die Kinder sogar eher überfordert. Da die Eltern Taiwans sich da aber nicht ganz so sicher sind, wird hier trotzdem in jedem Kindergarten Englisch unterrichtet. Nur dass eben immer mal wieder die Polizei auf eine kleine Razzia vorbeikommt. Wird man dort als Ausländer beim Englisch Unterrichten erwischt, kann man sofort des Landes verwiesen werden. Also eben ausgeklügelte Fluchtpläne. Oder ausgefeilte Ausreden. Andere Lehrer haben mir von solch genialen Maßnahmen wie vorsichtshalber in der Ecke gestapelten Pizzakartons (ich bin nur der Pizzalieferant, ehrlich!) erzählt. Wie letzteres funktionieren soll ist mir allerdings schleierhaft – wenn 30 Vierjährige daneben stehen und teacher, teacher rufen...
Sonntag, 10. Januar 2010
Viertelzeit! Mein zweites von vier Quartalen hat am Montag begonnen. Die nächsten drei Monate werde ich mich nun mit „ Gesellschaft und Gedanken“, „ Nachrichten und Ansichten“ und „ Grundlagen des klassischen Chinesisch“ beschäftigen. Puh. Nach der ersten Woche muss ich feststellen: der Arbeitsaufwand hat eher noch zu- als abgenommen. Dafür wird es sprachlich immer spannender. Zum Ausgleich hatte ich ein ruhiges, wenn auch arbeitsreiches Wochenende. Ausnahmsweise möchte ich das mal etwas genauer beschreiben: Am Freitagabend war ich in einem traditionsreichen Teehaus, um einer Diskussion über Paul Celan zu lauschen. Beiling, der Schriftsteller aus den heißen Quellen, ihr erinnert euch vielleicht, hatte mich dazu eingeladen. Gesprochen haben er und ein deutscher Philosoph, der seit Jahren in Taipei forscht und lehrt. Das Teehaus wurde vor bald 100 Jahren unter der japanischen Besatzung Taiwans gebaut, seitdem dient es laut Web als Treffpunkt für Gelehrte, Künstler und politisch Andersdenkende. Man sagt, die Demokratisierung Taiwans sei hier ausgehandelt worden. An diesem Abend allerdings war Politik nur am Rande Thema. Stattdessen schien der ganze Abend weder in einer bestimmten Zeit noch einem bestimmten Raum verwurzelt. Das Teehaus bildet inmitten eines der lebendigsten Viertel Taipeis eine stille Oase. Der Raum in dem die Veranstaltung stattfand, in japanisch schlichter Eleganz eingerichtet, war in sanftes Licht getaucht, an den Wänden Kalligraphien und Tuschezeichnungen. Mit ca. 30 Taiwanesen saß ich im Schneidersitz auf japanischen Tatami-Matten und verfolgte die chinesische Diskussion über den deutschsprachigen Dichter, hörte Celan dank moderner Technik selbst einige seiner Gedichte lesen. Obwohl das Gespräch über drei Stunden dauerte, waren die Zuhörer sehr konzentriert. Neben der Stimme der Vortragenden hörte man nur das leise Klappern der Glasdeckel auf den Kannen vor sich hinköchelndem Pu-Erh-Tees, den das Teehaus allen Zuhörern spendiert hatte. Vorne saßen an einem niedrigen Tischchen die beiden Vortragenden, über ihnen ein runder weißer Lampion, sanft schaukelnd im Dampf des Tees. Beiling, ganz vergeistigter Schriftsteller: unauffällige, dunkle und schlabberige Kleidung, lange gewellte Haare, Nickelbrille mit kleinen, runden Gläsern. Er saß entspannt auf den Matten, die Ellbogen auf die Knie gestützt. He Fabi neben ihm saß dagegen kerzengerade und meditativ unbeweglich im Schneidersitz. Seine blonden Haare waren zu einem Knoten ganz oben auf seinem Kopf geschlungen, sein Körper in ein weites schwarzes Gewand gehüllt. Es hätte mich nicht überrascht, hinter seinem breiten Rücken das Metall einer Schwertscheide aufblinken zu sehen. Sie sprachen über Celan, über Adorno. Sie berührten Rilke (Li-er-ke), Derrida und, natürlich, Marx. Es ging darum, was Kunst ist. Wie diese mit Gesellschaft und Kultur im Allgemeinen zusammenhängt. Ob sie sich übersetzen lässt, sprachlich wie kulturell. Im Speziellen darum, ob Celan ins Chinesische übersetzbar ist. Ob die durch den zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung geprägte „deutsche Seele“ und damit poetische Ausdruckstiefe mit der chinesischen verwandt sei. Was Sprache ist. Wie sie mit Kultur zusammenhängt. Angerissen wurde vieles - von der Stasi über die Makel der von China genutzten vereinfachten chinesischen Schriftzeichen bis zu den jeweiligen Vorteilen von Kapitalismus und Kommunismus. Sehr spannend also – leider allerdings aber auch eine Diskussion auf sehr hohem nicht nur theoretischen sondern vor allem auch sprachlichem Niveau. Auch der deutsche Philosoph sprach entgegen meiner Hoffnungen ein ausgezeichnetes Chinesisch, so dass ich insgesamt höchstens die Hälfte mitbekommen habe. Trotzdem ein sehr anregender Abend und vor allem ein Ansporn, weiter zu lernen. Am Samstag bin ich nach mehreren Stunden Sprachaustausch sowie Deutschunterricht (ich bin, eher aus Versehen, Nachhilfelehrerin geworden) mit zwei Kommilitonen in das Bergdorf / den Kurort Wulai („Krähen kommen“) gefahren. Dort haben wir uns an der frischen Luft in heißen Quellen eingeweicht und alle Anspannung abgewaschen. Zurück in Taipei haben wir den Abend gemütlich mit einem Cider in der lauen Abendluft ausklingen lassen (nachdem der eine Kommilitone sich im Übrigen auf dem Weg dorthin mal eben ein neues Ohrloch hat stechen lassen). Heute saß ich bei gut 20 Grad und strahlend blauem Himmel draußen auf der Veranda eines Cafés und habe bei Milchtee und " Deutschland leichter Käse und Keks Kuchen" in Ruhe meine Hausaufgaben gemacht.
Bevor jetzt Neid aus dem verschneiten Deutschland aufkommt: das Wetter hier haben wir uns redlich verdient! Seit Wochen schon habe ich den Himmel nicht mehr sehen können – und so gefroren wie hier habe ich bisher in meinem ganzen Leben noch nicht. Nicht einmal im schneereichen, 6 Monate andauernden kanadischen Winter. Auch wenn das Thermometer bisher nicht unter 10 Grad gefallen ist, friere ich ständig. Das liegt nicht (nur) an etwaiger Verweichlichung meinerseits, sondern daran, dass die Luftfeuchtigkeit dank Dauernieselregen sehr hoch ist. Und daran, dass die Häuser hier zwar alle Klimaanlage, aber keine Heizung haben. Zu Hause kann ich mich noch in diverse Decken wickeln, in der Uni aber bleibt mir nicht viel, als trotz drei Pullovern bibbernd im Unterricht und der Bibliothek zu sitzen. Wer hätte gedacht, dass Taipei in einer völlig anderen Klimazone als Tainan liegt, obwohl die beiden Städte nur 300 km voneinander entfernt sind? Als Florian und ich vor Sylvester aus dem Dauerregen Taipeis (über Umwege) nach Tainan kamen, erwärmten kräftige Sonnenstrahlen unsere durchgefrorenen Körper und man erzählte uns von einer bereits drei Monate andauernden Dürreperiode. DAS ist das Taiwan, an das ich mich erinnere… Florian ist im Übrigen für diejenigen, die es noch nicht auf anderen Kanälen mitbekommen haben, gesund und ich glaube auch einigermaßen munter zu Hause angekommen – nachdem sein Flugzeug aufgrund von Schneestürmen in Peking den Flughafen in Taipei mit über 6 Stunden Verspätung verlassen hat, ist der Rest der Reise glatt gegangen. Selbst sein Gepäck ist, im Gegensatz zum Hinflug, angekommen. Ich trauere derweilen unserem gemeinsamen Urlaub nach – der Unialltag kann da einfach nicht mithalten. Liebe Grüße an alle! Kerstin PS: An dieser Stelle ganz besonders viele Grüße an meinen lieben Vater!!! Und: 早日康復! Am Rande: Es lebe die musikalische Globalisierung! Anstelle der ansonsten allgegenwärtigen Ohrwürmer amerikanischer (vor allem Lady Gaga) oder koreanischer (Superjunior und co., ihr wisst Bescheid) Stars schallten mir heute aus einem trendigen Klamottenladen folgende Zeilen entgegen: summ summ summ, summ summ summ, summel summel summ, sieben Hummeln kleine Hummeln, fahren Schlitten geben Gas, kriegen rote Schnupfennasen, bei dem kalten Winterspaß, hatschi… Darauf musste ich dem Laden natürlich eine Besuch abstatten. Auf Nachfrage erzählte mir die Verkäuferin, das sei der Soundtrack zu einem ganz tollem Film mit einem kleinen Krokodil, den die Chefin laufen lasse, weil durch die Musik alle glücklich würden. Schni- Schna- Schnappi…
Samstag, 2. Januar 2010
Seit bald zwei Wochen habe ich mich nun schon nicht mehr gemeldet. Der Grund: Besuch aus Deutschland! Da Florian nicht nur das erste Mal in Taiwan, sondern zum allerersten Mal in Asien war, haben wir alles an touristischen Highlights mitgenommen, was geht. Eigentlich sagen die chinesischen Wörter, die Florian in seiner Zeit hier gelernt hat, schon ziemlich alles über seinen Aufenthalt hier aus: neben xiexie (Danke) und ni hao (hallo) noch shuai ge (gutaussehender Kerl), hao chi (lecker), taiwan pijiu (Taiwan Bier) und waiguoren (Ausländer).
Wir haben es uns dabei richtig urlaubsmäßig gut gehen lassen:
- Pausenloses Essen, weil Florian ja soooo vieles noch probieren musste: Stinky Tofu, Taro-Kuchen, Nudeltaschenberge, Austernomelettes, Hot Pot, Sushi, chinesische Pfannkuchen, Klebreisbällchen, Muschelsuppe, Rettichfrühstückskuchen, noch mehr Hotpot, 7-11-Reistaschen, Baozi, Reisbrei mit Algen, Trockenfleisch, Erdnuss und Ei (traditionelles Frühstück), Tofu-Pudding mit Stärkebobbeln, viel frischen Fisch…
- Nicht ganz pausenloser aber doch häufiger Sonnenschein. Die ersten Tage in Taipei waren leider von Kälte und Regen geprägt – weswegen wir am 23.12. spontan auf die Inselgruppe Penghu geflogen und erst am 31.12. nach diversen Stopps nach Taipei zurückgekehrt sind.
- Pausenloses Komplimente empfangen: „Shuai Ge“ war eine von Florians ersten Vokabeln. Das heißt soviel wie „gut aussehender Kerl“ und wurde ihm ständig hinterher gerufen oder ins Gesicht gesagt (auch von Männern) – zum Teil verbunden mit direkten Heirats-Verkupplungs-Angeboten. Mein Chinesisch wurde mit zunehmender Entfernung von Taipei mit zunehmender Häufigkeit und mit abnehmendem Aufwand meinerseits gelobt – auf Penghu reichte schon ein ni hao für Begeisterungsstürme. Alles natürlich super fürs Selbstbewusstsein.
Was haben wir erlebt? So einiges… so viel, dass wir an dieser Stelle gar nicht von allen Abenteuern berichten können (ihr müsst es ja schließlich auch noch lesen und außerdem müssen wir auch ja noch irgendwas erzählen können). Daher folgt nun unsere Reise in Schlaglichtern:
1. Taipei Charakterisierung: Hauptstadt und buntlaute Metropole. Offiziell 2,7 Mio, inoffiziell 5 Mio Einwohner. Aktivitäten: Florian stellt fest: Des Taiwanesen Lieblingsbeschäftigungen sind Shoppen und Essen. Und wie der Engländer zu sagen beliebt: When in Rome, do as the Romans do. Also: Shoppen, shoppen, shoppen (kein Witz! Ja, DER Florian. Ich bin nun VIP-Kunde bei Esprit Taiwan. Und nicht wegen meiner Einkäufe). Essen, essen, essen. Dazu noch Erleben der vielen Facetten von Taipei: historische Museen und vor Menschen wie Sinneseindrücken überquellende Nachtmärkte, das hypermoderne 101 und heiße Quellen am Bergfluss, traditionelle Tempelprozessionen und japanische DJ-Mucke. Erinnernswert: Das relativ starke Erdbeben an Florians zweitem Tag in Taipei – erschreckend daran waren allerdings eher die panischen Schreie meiner Mitbewohnerin. Florian hat sich gefreut. Begegnungen: Unsere heiße Quelle am Fluss haben wir uns mit dem Schriftsteller Bei Ling geteilt, der dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse für Furore gesorgt hat. An Florians letztem Abend (also: vorhin) waren wir bei ihm und seiner Freundin / Muse zum Essen eingeladen. Den Abend werden wir sicherlich nicht so schnell wieder vergessen.
2. Penghu Charakterisierung: Wunderschöne vulkanische Inseln in Taiwans Südwesten – schwarzes Gestein, türkises Meer, blühende Kakteen, Palmen, Farne, Nadelbäume… Aktivitäten: Schwimmen. Im Pazifik. An Weihnachten. Rollerfahren – einmal quer über drei Inseln hinweg. Essen essen essen. Erinnernswert: Sonnenuntergang am Meer. Und Traumlandschaft. Florian sagt: Der Roller. Rollerverleiher:„Wie Ihr habt keinen internationalen Führerschein? Nee, dann geht das nicht. Überhaupt nicht. Na gut, ich mach eine Ausnahme. Dann nehmt aber auch den 125er, der ist besser als die anderen Maschinen.“ (Zur Erklärung für Leute wie Kerstin: In Deutschland braucht man für so etwas einen Motorradführerschein) Außerdem: Da es die Nebensaison war und Penghu fern von den Universitäten und Büros Taipeis etc. liegt, waren wir anscheinend zu dieser Jahreszeit die einzigen Ausländer dort. Vor allem für Florian eine neue Erfahrung, ständig zu hören „Guck mal, ein Ausländer!“ und nicht nur von kleinen Kindern bestaunt zu werden. Und wegen seines Dreitagebarts nicht nur bestaunt, sondern auch angesprochen und beinahe angefasst zu werden. Heilig Abend mit traditionellem deutschen Essen. Naja, Ersatz. Billige Kopie desselben? Jedenfalls mit „Original German Sausage“ (einzeln eingeschweißt), Kartoffelchips (aufgrund fehlenden -salats), Rotwein (immerhin aus Frankreich). Dazu eine weihnachtliche Kerze (danke, Katrin!) und ein geklauter Nadelbaumzweig. Trotz oder gerade deswegen ein sehr schönes Weihnachten. Begegnungen: In unserer „Stammkneipe“ (Kneipen sind hier noch kein so verbreitetes Konzept) auf Penghu haben wir mit den dort anwesenden Einheimischen (durchweg älter als wir) Trinkspiele nach taiwanesischer Art gespielt: Vollster Einsatz, zumindest in Sachen Begeisterung. Und das, obwohl einige Mitspieler Wasser tranken (und mit was für einem angeekeltem Gesichtsausdruck!) und kein Gast mehr als die Wirtin zu sich nahm.
3. Tainan: Charakterisierung: Alte Hauptstadt Taiwans, heute viertgrößte Stadt des Landes. Bekannt als kulinarische und historische Hochburg. Aktvitäten: Geschichtsstudien: Holländerforts und alte Tempel, Ethnologische Studien: Eingeborenentänze (auch in Taiwan gibt es Ureinwohner und Ureinwohnertourismus), Soziologische Studien: Familienbesuch. Und natürlich essen, essen, essen. Erinnernswert: Laut Florian: Sushi und exzessives Hotpot-Essen mit der Familie Begegnungen: Natürlich die taiwanesische Familie. Die nebenbei bemerkt versucht hat, den Shuai Ge zu verkuppeln – erst mit mir, dann mit diversen Freundinnen der Familie. Und Freundinnen von Freundinnen von….
4. Hualien: Charakterisierung: Stadt im ruhigen Osten Taiwans. Liegt zwischen wilder Küste mit türkisem Meer und urwaldgrünen Bergen. Hauptexportprodukt: Marmor. Aktivitäten: Wandern in der Tarokoschlucht – 7 Stunden lang bergauf eine viel befahrene und enge Bergstraße mit vielen langen und dunklen Autotunnels hoch. Mein Reiseführer sagt: „Viel empfehlenswerter (als per Fahrzeug) ist allerdings der leichte und trotzdem sehr schöne Fußmarsch (…, er) dauert (mit Gepäck) inklusive aller Stops maximal vier bis fünf Stunden.“ Schön ist die Strecke wirklich, die Straße führt an einem Fluss entlang, der sich durch steile und raue Marmorklippen windet. Zum Glück haben wir zudem einige Abstecher weg von der Straße hinein in die wilde Bergwelt machen können, die all die Autotunnels wieder vergessen machten. Wir waren dennoch mehr als froh, als uns, oben angekommen, gerade rechtzeitig der Bus nach unten entgegenkam! Erinnernswert: Bierverkostung abends am Strand - von Taiwan Bier über Qingdao bis Kirin. Fazit: ein asiatisches Dosenbier schmeckt schlimmer als das andere. Macht aber nichts weil Strand einfach toll ist. Begegnungen: Stereotyper Kalifornier mit seiner ebenso stereotypen taiwanesischen Freundin. Er: Designer (was auch sonst), Mitte vierzig, African American mit (weißem!) Hut und Glitzerkreuz, Hauptvokabeln: „crazy“ (Germans), „amazing“ und „good job“. Sie: Englischlehrerin Mitte zwanzig, unglaublich nett, schüchtern und etwas naiv. Sie wollte ihm das typische Taiwan zeigen, er wollte nichts Neues probieren und im Grunde nur Party machen. Nachdem wir die beiden abends in der Kneipe kennen gelernt haben, sind wir am nächsten Tag mit ihnen (im Auto ihrer Eltern) nach Taipei zurückgefahren. Wir waren bald 7 Stunden unterwegs – zunächst entlang einer der spektakulärsten und zugleich engsten Küstenstraßen der Welt (sagt Florians Reiseführer), schließlich durch die Rushhour der Millionenstadt Taipei – dank eines zunehmend aggressiven Fahrers beides Erlebnisse, die nicht unbedingt wiederholt werden müssen.
Zurück in Taipei haben wir ein sehr entspanntes Silvester mit Punk-/Rock’n’Roll-Konzert erlebt. Vom sehr spektakulären Feuerwerk auf dem 101 war leider von Kerstins Dach aus nach der Hälfte vor lauter Rauch kaum noch etwas zu sehen. Nach 2 ½ sehr erholsamen Wochen können wir nun mit frischem Qi ausgestattet in das neue Jahr starten. Wir wünschen Euch allen „xinnian kuaile“ bzw. ein frohes neues Jahr!! And don’t forget: NO DRUGS at the ratskeller!

Am Rande 1: „Florians kleine Getränkekunde“: Hier nun noch einige Einblicke in das interessante Trinkverhalten der Taiwanesen. Nicht nur, dass man, wenn man ein Bier bestellt, öfters mal gefragt wird, ob man es ‚on the rocks’ (also mit Eiswürfeln) haben möchte, nein, auch ein Radler wird statt mit Limonade wahlweise mit Orangen- oder Tomatensaft gemixt. Außerdem liebt der Taiwanese es, seinen Getränken verschiedene Gimmicks zuzufügen. So wird in die Eistees, die es überall zu kaufen gibt, beispielsweise entweder Vanillepudding, unterschiedliche Wackelpuddings (z.B. mit Grünteegeschmack), Weizenkeimlinge, gezuckerte Stärkebällchen (die je nach Größe übersetzt entweder „Perlen“ oder „Titten“ heißen) und ähnliches getan. Nimmt man einen tiefen Schluck, hat man den ganzen Mund voller süßer, klebriger Masse, die es irgendwie hinunter zu bekommen gilt – gerade wenn man vorher ausgiebig gegessen hat, ein mehr als zweifelhaftes Unterfangen. Auch Kerstins Aufmunterung („das ist doch auch nichts anderes als Gummibärchen“) konnte da nur wenig helfen.
Am Rande 2: „Florians kleine Musikkunde“: Wie von Kerstin angekündigt läuft hier überall der Superhit von der Superband „Superjunior“ „Sorry, Sorry, Sorry“ – z.B. auch auf einer religiösen Prozession zur 270-Jahrfeier eines Tempels (auf der auch von beleuchteten Wagen Kamelle in die zuschauende Menge geworfen wurden). Noch viel besser gefällt mir allerdings „Nobody“ – der neuste Hit der „Wonder Girls“, die damit Superjunior von Platz eins der Charts verdrängt haben. Ich empfehle jedem das zugehörige Video mit sehr lustigem Plot!
Mittwoch, 16. Dezember 2009
Gerne würde ich euch an dieser Stelle von einem rauschenden Hochzeitsfest voll exotischer Speisen und ausgelassener Tänze berichten… Allein: An dem im letzten Beitrag angekündigten Fest konnte ich leider nicht teilnehmen. Samstag früh bin ich mit Ying-Shan, einer taiwanesischen Freundin (im letzten Beitrag noch sperrig als Sprachaustauschpartnerin bezeichnet) zu ihren Eltern nach Hause gefahren. Diese wohnen in einer kleinen Stadt im Zentrum Taiwans, in der Nähe Taizhongs. Das mit der Hochzeit hat nicht geklappt, weil das entstehende Ehepaar etwas hier scheinbar völlig undenkbares getan hat (also, du musst wissen, der Ehemann ist ein Ausländer und ausserdem sind beide schon einmal verheiratet gewesen… wahrscheinlich hängt das damit zusammen... anders kann ich es mir nicht erklären...): sie haben Sitzplätze reserviert. Schon eine ganze Weile im Voraus. Auch ohne Hochzeit hatte ich allerdings ein sehr schönes Wochenende, ein gleichzeitig erholsames und anregendes. Ich war die erste Ausländerin, mit der Ying-Shans Eltern je gesprochen haben, dementsprechend nervös waren sie scheinbar vor meiner Ankunft – nach derselben hat sich diese Tatsache allerdings vor allem in besonderer Aufmerksamkeit und warmherziger Bemutterung bemerkbar gemacht. Statt Hochzeitsmahl gab es Strandausflug, Tempelbesuch, leckeres Essen, gute Gespräche über Kunst und den Menschen… also ein perfekter Kurzurlaub. Ying-Shans Heimat ist eine ländliche Gegend voll einsamer Höfe, kleiner Kanäle, Reisfeldern und sandiger Straßen. Die Küste hat mich ein wenig an die Nordsee erinnert: dunkler Sand, weiße Windräder, steife Brise. Außer einigen Fischern in kleinen Booten war niemand sonst unterwegs. Zum Glück war es nicht schwer, Ying-Shan zu überreden, die Mahnung ihrer (zum Glück nicht anwesenden) Mutter zu missachten und von der erhöhten Promenade runter auf den Strand und sogar bis fast ans Wasser zu gehen – um Meeresluft tief in mich hinein zu atmen, die Stadtluft verdrängend, und um das Meeresrauschen meinen Kopf frei räumen zu lassen.
Ying-Shans Mutter hat wie ein Großteil der Taiwanesen ziemliche Angst vor Wasser, besonders vor dem Meer. Neben der Tatsache, dass die meisten Menschen hier nicht schwimmen können, hängt das wohl auch damit zusammen, dass Taiwan eine nicht allzu große Insel ist für die Fischfang lange eine große Rolle gespielt hat. Und Fischer wissen wohl am besten um die Gefahren des Meeres… damit hängt es wohl auch zusammen, dass eine der am stärksten verehrten Göttinnen hier in Taiwan eine Meeresgöttin ist. Mazu war ursprünglich ein Mensch, ein Mädchen das vor rund eintausend Jahren gelebt haben soll. Sie war dem Meer sehr verbunden, verweilte häufig in leuchtender Kleidung am Strand, um Fischer während rauer See sicher nach Hause zu geleiten. Nach ihrem frühen Tod wurde sie erst von dankbaren Fischern, dann von immer weiteren Teilen der Gesellschaft verehrt. Heute wird sie nicht nur in Taiwan, sondern in dieser ganzen Region Asiens verehrt, von Taoisten, Buddhisten und diversen anderen zugleich. Der Tempel, den ich in der Nähe Taizhongs besucht habe, ist der bekannteste (von ca. 1000) Mazu gewidmete Tempel in Taiwan – sehr beeindruckend.
Sehr beeindruckend ist im Übrigen auch die enzyklopädische Bildung der meisten Taiwanesen. Das Schulsystem ist hart und vor allem auf Auswendiglernen ausgelegt. Konkurrenz ist stark und Ranglisten aller Art sind gang und gäbe. So erfährt man beispielsweise in der Schule neben der Note immer, auf welchem Platz man damit in der Klasse steht. Das führt dazu, dass Taiwanesen zu jedem möglichen Gesprächsthema eine Liste bereit haben. Die höchsten Berge der Welt? Die größten Museen der Welt (das National Palace Museum in Taipei liegt selbstverständlich ziemlich weit vorne)? Die sieben meist verbreiteten Getreidearten? Die vier Sprachen der Schweiz? Alles kein Problem. Ohne Nachzudenken kann derartiges Wissen in fester Reihenfolge abgerufen werden. Auch Jahrzehnte nach der Schulzeit. Ein Problem: Fehler in diesen Listen darf es nicht geben – so und nicht anders ist es. So haben wir beispielsweise sehr lange gebraucht, eine meiner Chinesisch-Lehrerinnen davon zu überzeugen, dass Englisch nicht zu den vier offiziellen Sprachen der Schweiz gehört. Selbst meine Beteuerung, dass ich jahrelang in Grenznähe gewohnt habe und mir ganz sicher sei hat ihre Zweifel an unserem Wissen nicht ausräumen können. Ein noch viel größeres Problem: Nachdenken gehört nicht zwingend zur Bildung dazu. So habe ich beispielsweise schon mehrfach folgende „ Ureinwohner-Diskussion“ geführt: Meist beginnt diese damit, dass mir ein Taiwanese die 14 Stämme der taiwanesischen Ureinwohner aufzählt. Dann kommen wir zum Thema der Problematik des Umgangs mit denselben. Es folgt die unvermeidbare Frage nach dem Umgang der Deutschen mit ihren Ureinwohnern. Dann das ungläubige Staunen darüber, dass Deutschland so was nicht hat. Wo doch selbst die USA Ureinwohner haben. Es dauert jedes Mal sehr lange zu erklären, warum es im größten Teil Europas keine Ureinwohner in diesem Sinne gibt. Oder eben jede Menge, weil wir ja alle irgendwie die Ureinwohner Europas sind. Oder so ähnlich. Jedenfalls, der Gedanke, dass der Begriff „Ureinwohner“ was mit Migration und Kolonisation zu tun hat, ist vielen Menschen hier scheinbar noch nicht gekommen und auch scheint auch alles andere als unmittelbar einleuchtend zu sein (und ich spreche selbstverständlich von Menschen mit universitärer Bildung). Ansonsten ist mein erstes Quartal hier am ICLP / der Taida ist so gut wie vorbei. Es bleiben nur noch zwei Tage… Meine drei dicken Lehrbücher haben wir tatsächlich in 10 Wochen durchgearbeitet und auch unsere Abschlusspräsentation ist gestern über die Bühne gegangen. Ein Kommilitone und ich haben uns als Sha la Pei lin (Sarah Palin) und An ge la Mei ke er (Angela Merkel) über die Bedrohung unterhalten, die Taiwan für die Welt darstellt (selbstverständlich auf Chinesisch). Palin, die Taiwan von ihrem Haus aus sehen kann, weiß, dass alle Nuklearwaffen der Welt heimlich „made in Taiwan“ sind (siehe Aufkleber). Und dass Taiwan Bären und Hornissen als Biowaffen züchtet. Und nun die Welt übernehmen will, weil die Welt sie nicht in die UNO lassen will. Merkels Lösung: Da wir Taiwans Wunsch aus politischen Gründen leider nicht erfüllen können, lassen wir das Land stattdessen anstelle der Schweiz Teil der EU werden. Und dann von EU-Richtlinien handlungsunfähig machen. Usw. Quatsch? Es war unsere Form der stillen Revolution chinesischer Art… Ursprünglich hieß es, die (benotete) Abschlusspräsentation könne von Theaterstück bis vorgetragenem Erlebnisaufsatz alles sein, solange wir dabei unsere in diesem Quartal erworbenen Sprachfähigkeiten präsentieren. Eine Woche vor der Präsentation hieß es plötzlich, ab einem gewissen Sprachniveau müsse es eine Rede oder eine Debatte über ein ernstes Thema sein. Alle Unmutsäußerungen waren zwecklos. Tadaaa. Anfang Januar beginnt ein neues Quartal mit neuen Lehrern, Büchern, Kommilitonen – auch wenn ich sehr gespannt darauf bin, freue ich mich im Moment noch viel mehr auf die Weihnachtsferien (die es in Taiwan sonst nicht gibt, aber Chinesisch Kurse zielen nun mal auf Ausländer ab  . Ganz besonders weil morgen Besuch aus Deutschland kommt!! Ich bin schon ziemlich aufgeregt. Ich möchte „mein“ Taiwan schließlich so gerne teilen… und von der besten Seite präsentieren. Liebe Grüße aus Taipei! Kerstin PS Filmtipp: Crossing. Ein südkoreanischer Film über das Leben in Nordkorea bzw. das Schicksal von Flüchtlingen aus Nordkorea. Offensichtlich keine leichte Kost, ich fand den Film jedoch gut gemacht und extrem interessant. Ich war bei der öffentlichen Erstaufführung (für Taiwan) inklusive anschließender Podiumsdiskussion mit einem nordkoreanischen Flüchtling. Neben der Tatsache, dass ich fast alles verstanden habe, habe ich mich wieder über meine Entscheidung gefreut, nach Taipei zu kommen wo so eine Veranstaltung sowohl von kultureller als auch politischer Seite her möglich ist...
Am Rande: Aaah! Es gibt scheinbar kein Entkommen… Momentan ist hier das Lied Sorry Sorry von der koreanischen Riesen-Boyband Super Junior so dermaßen angesagt, dass es nicht nur in allen Läden und Restaurants läuft, sondern auch noch in allen Kindergärten getanzt wird… Sorry Sorry Sorry Sorry….
Dienstag, 8. Dezember 2009
Geburtstag in der Ferne zu haben ist jedes Mal etwas seltsam. Auch Geburtstag in Taiwan stellt da wenig überraschend keine Ausnahme dar. Der diesjährige war ein (pun intended) süßsaures Erlebnis. Am Vorabend war ich von plötzlichem Heimweh befallen, das auch bis zum Geburtstagsmorgen nicht ganz verschwinden wollte. Als ich in der Uni ankam, stellte ich fest, dass sich offenbar niemand meinen Geburtstag gemerkt hatte. Ich hatte das Datum nicht besonders häufig erwähnt, hätte mir aber doch gewünscht, dass es sich der eine oder die andere gemerkt hätte. Ich ging also wie jeden Tag in den Unterricht und suhlte mich währenddessen still und leise ein wenig in meiner gefühlten Einsamkeit. Als ich am späten Vormittag in der Pause in einer Gruppe Leute stand, stellte sich eine amerikanische Mitstudentin neben mich, legte mir den Arm um die Schulter und sagte ganz leise und beiläufig Happy Birthday, Kerstin. Und dann das Gleiche noch mal auf Deutsch. Ich hätte tatsächlich fast geweint, so sehr hat es mich gefreut. Beim Mittagessen benahmen sich einige meiner Mitstudenten etwas seltsam… bzw. waren teilweise verschwunden... da begann ich etwas zu vermuten, oder vielleicht besser: zu hoffen. Nach einem sehr leckeren Picknick-Essen (gebratener Lachs!) in einem Park nahe der Uni tauchte plötzlich hinter Rebekah eine Schwarzwälderkirschtorte mit brennenden Kerzen darauf auf (wie sie es geschafft hat, die in meiner Anwesenheit anzuzünden, ohne dass ich es gemerkt habe, ist mir ein Rätsel). Surprise! Ich bin also nicht vergessen, sondern nur ein bisschen geärgert worden. Und die Torte aus dem angeblich bestem Laden der Stadt war wirklich sehr fein. Dass ich mich riesig gefreut habe, brauche ich wohl kaum zu erwähnen? Der Rest des Tages war weniger spektakulär. Den Nachmittag habe ich an der Uni mit Hausaufgaben verbracht. Ich wäre noch gerne mit Kommilitonen essen gegangen, es wollten aber alle, die noch an der Uni waren, schnell nach Hause. Also bin ich auch nach Hause. Da ich meinen Geburtstagsabend nicht alleine mit Hausaufgaben verbringen wollte, habe ich etwas gemacht, was ich schon längst gemacht haben wollte, wofür ich aber nie die Zeit hatte: meine Wand (im Singular) gestrichen. In kräftigem Rot. Da ich nachdem ich bereits einen Teil gestrichen hatte, beschlossen hatte, noch einen weiteren Teil zu streichen, hat das Ganze sehr viel länger gedauert als erwartet und ich war die halbe Nacht wach – was ich am nächsten Tag im Unterricht bitter bereut habe. Ich höre das typisch sogar bis hier in euren Gedanken widerhallen Nebenher habe ich immer wieder nach eMails geschaut, weil ich auf Glückwünsche aus der Ferne spekuliert habe. Da mir die meisten meiner Freunde allerdings sehr ähnlich sind was zeitweise Verplantheit angeht, kam an meinem Geburtstag selber sehr wenig Post. Auch wenn mich das an dem Abend betrübt hat, habe ich mich in den darauffolgenden Tagen umso mehr über Nachrichten gefreut! An dieser Stelle einen lieben Gruß und ein Dankeschön an alle – ich werde mich nach und nach bei allen persönlich melden. Ganz besonderen Dank an die Adventskalenderversender!

Um den eher ruhigen Geburtstag zu kompensieren, habe ich beschlossen, das Wochenende ordentlich zu nutzen... indem ich das Prinzip Dreisamstraßen-WG-Party in den fernen Osten exportiere. Inklusive Bowle, Baguette und selbstgemachter Knobibutter. Die Vorbereitung war etwas erschwert, da Taipei eben nicht Freiburg ist. Für ordentliches Baguette musste ich weit reisen, für frische Kräuter sehr lange mit der Dame im Hypermarkt diskutieren, für das Luxusgut Dosenpfirsiche ordentlich blechen und auf Sekt in der Bowle sowie exotisches wie z.B. Käsespieße ganz verzichten. Auch das Einladen war gar nicht so einfach – ich kenne inzwischen sehr viele Leute sehr oberflächlich… habe also einfach ein paar (an die 25) Kommilitonen eingeladen. Irgendwo musste ich die Grenze ziehen, da ich ja schlecht alle 80 einladen konnte. Das führte direkt zu beleidigten anderen (Kerstin! Du hast am Wochenende eine Party gefeiert und MICH nicht eingeladen??). Seufz. Es ist hier in vielerlei Hinsicht wie in der Schule… Die Leute, die ich eingeladen habe waren sehr unterschiedlich, weshalb ich extrem gespannt war auf den Verlauf des Ganzen. Als Erläuterung sollen die Extreme des Spektrums dienen: A., 21, in dem Sinn wohl typisch Chinese American, sagte mir, als ich sie eingeladen habe: Oh, schön! Das wird meine erste Party in Taiwan! Ich: Ja, ist auch meine erste, seit ich hier bin. Sie: Nee, ich meine meine erste. Überhaupt. Also, in meinem Leben. Anderes Extrem: D., der mehrmals die Woche feiert, bei solchen Gelegenheiten gerne schon angetrunken erscheint und zu meiner Party sein professionelles DJ-Equipment mitgebracht hat um ein bisschen aufzulegen. Dafür hat es erstaunlich gut funktioniert. Besonders glücklich bin ich immer, wenn es mir gelingt, bei solchen Gelegenheiten Leute zusammenzubringen, die sonst kaum miteinander reden (würden). Dafür, dass so gut wie alle über 20 Jahre alt sind, haben erstaunlich viele einen festen Curfew. Eigentlich alle, die bei Gastfamilien oder mehr oder weniger entfernten Verwandten wohnen, müssen bis 11 oder 12 Uhr zu Hause sein. Auch meine 31-Jährige Kommilitonin. Immer wieder merke ich hier, wie liberal Europa nicht nur im Vergleich zu Taiwan, sondern auch im Vergleich zum amerikanischen mittleren Westen ist. Egal ob es um Uhrzeiten, Alkohol oder Lebensansichten geht. Es sind also jedenfalls ziemlich viele ziemlich früh gegangen – ein harter Kern blieb allerdings und fing schließlich das Tanzen an - die Letzte fuhr morgens um 6 mit der ersten U-Bahn. Das Experiment kann also als gelungen angesehen werden. Seltsamer Moment, irgendwann zwischen Samstag und Sonntag: Ich tanze mit einer Gruppe Amerikaner mitten in Taipei zu Krawall und Remmidemmi – das ist wohl Globalisierung? Was in Freiburg nie passiert wäre: es war ziemlich viel Bowle übrig. Und Bier.
Kerstin
PS Am Wochenende fahre ich nach Taizhong. Zu einer Hochzeit. Wer heiratet? Ich habe keine Ahnung… Irgendeine entfernte Bekannte der Mutter meiner Sprachaustauschpartnerin (welche ich selbst erst seit ca. 3 Wochen kenne) – aber das reicht schon, um mitzudürfen. Ich bin gespannt!
Am Rande: In Taipei gibt es alles… und nichts. Man muss nur wissen, wo man suchen muss… genau das ist aber auch das Problem. Immerhin – ich habe für Thanksgiving hier ein Mousse au Chocolat gemacht – mit Schlagsahne und Rittersport. Wenn ich daran denke, wie lange ich für diese Zutaten in Tainan suchen musste! Manchmal stößt man hier an unerwarteten Orten auf Dinge: wenn einem z.B. der fliegende (was nicht nur eine phonetische sondern in diesem Fall auch semantische Nähe zu fliehende aufweist) Händler auf dem Nachtmarkt zwischen Fischbällchen und Hühnerblut plötzlich dunkle Lindtschokolade anbietet und das auch noch zum Sonderpreis… Manchmal wird man aber auch getäuscht. So gibt es hier zwar Lays Chips in grüner Verpackung wie man sie kennt… der zweite Blick zeigt allerdings: nicht meine geliebten sour cream and onion Chips, sondern seaweed sushi. Hmpf.
Samstag, 28. November 2009
Mit Schmerzen im ganzen Körper sitze ich an meinem Laptop im fernen Taipei um euch von einer Expedition in den Schwarzwald zu berichten. Den Schwarzwald? Natürlich nicht derjenige mit den Bollenhüten, sondern der laut unserem Bergführer zweitgrößte Schwarzwald der Welt (wo der Größte sei, wisse er leider nicht). Bergführer? Mitten im Schwarzwald liegt der Schneeberg (Xue Shan), der zweithöchste Berg Taiwans, den ich diese Woche zusammen mit 21 mutigen Mitstudenten bestiegen habe. Auch wenn diese Gruppengröße sehr taiwanesisch ist, war es der Berg nicht. Zumindest nicht unserem Bild Taiwans entsprechend. Ich sehe uns Anfang des Semesters um das schwarze Brett herumstehen, auf dem dieser Ausflug ausgeschrieben war: Pfffft – Wandern, was? Bei den Taiwanesen heißt das doch, eine Stunde spazieren zu gehen – Bergsteigen, dass ich nicht lache. So klein und niedlich wie Taiwan ist, kann man das überhaupt Berg nennen?? usw. Als unsere Lehrer uns sagten, wir sollten mindestens 3 mal die Woche joggen, um uns vorzubereiten, konnten wir das nicht wirklich ernst nehmen. Inzwischen weiß jedoch nicht nur ich, sondern auch jene Kommilitonen, dass Taiwan für einen Inselstaat, der gerade mal so groß wie Baden-Württemberg ist, eine ziemlich beeindruckende Berglandschaft hat. Der Schneeberg ist mit seinen 3886 Metern immerhin noch fast 1000 Meter höher als die Zugspitze. Schlauer wäre ich sicher gewesen, hätte ich meinen Reiseführer VOR der Wanderung konsultiert. Der schreibt nämlich: „ Ein Aufstieg zum XueShan ist außerordentlich empfehlenswert, bietet ein großartiges Panorama und verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten, sondern lediglich die Kondition eines Büffels.“ Wie ein solcher habe ich mich - nicht nur geruchstechnisch - nach den 3 Tagen dann auch gefühlt. Am ersten Tag hatten wir nach knapp 5 Stunden Busfahrt nur einen ca. 2-stündigen Aufstieg zu bewältigen. Dieser war allerdings schon ziemlich steil, weshalb wir auch ziemlich froh waren, unser Ziel - eine Hütte - zu erblicken. Die Hütte war eine einfache Holzhütte ohne Strom und mit 120er Schlafsaal, in dem jedem einzelnen auf der hölzernen Liegefläche höchstens die Breite einer Isomatte (wenn man denn eine gehabt hätte) zugestanden wurde. Der Kuschelfaktor war allerdings angesichts der nächtlichen Temperaturen eher angenehm. Immerhin hatte die erste Hütte im Gegensatz zur zweiten noch fließend Wasser. Nach einem wirklich leckeren Abendessen, gekocht von unserem Bergführer, ein wenig Versteckspielen im dunkeln Wald und viel Sternegucken ging es gegen halb neun ins Bett.  Am zweiten Tag hatten wir dann schon um 1 Uhr mittags den Gipfel erreicht. Klingt locker? Mitnichten. Nach einer schlaflosen Nacht wurden wir um 3 Uhr morgens „geweckt“, damit wir nach einer Stärkung aus Reisbrei mit Algen, Trockenobst und Schweinefett pünktlich um 4 loslaufen konnten. Stetig und steil bergauf. Zum Teil so steil, dass die Hände zur Hilfe genommen werden mussten. Dort wo Stufen waren, befanden sie sich des Öfteren auf Kniehöhe. Gegen 9 Uhr morgens kamen wir an einer weiteren Hütte an, in der wir die zweite Nacht verbringen würden. Vier Kommilitonen fielen sofort völlig erschöpft in den Schlafsack und ließen sich den Gipfel entgehen. Als der tapfere Rest von uns gegen ein Uhr am Mittag oben auf dem Gipfel ankam, war daher nicht nur ich so ziemlich am Ende meiner Kräfte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas schaffen könnte… Oben auf dem Gipfel schlief der Großteil der Gruppe auch erstmal ein. Dabei mussten wir ja auch noch zurück… Auf dem Rückweg merkte ich, dass der Weg nach oben wohl doch nicht nur bergauf geführt hatte – erstaunlich oft mussten wir auch auf dem Abstieg bergauf steigen. Und auch das bergab Laufen / Klettern / Rutschen kostet mehr Kraft, als man denken mag. Gegen 6 Uhr abends waren wir endlich wieder an der Hütte angekommen. Nach einem sehr guten und traditionellen Essen (inklusive Hai – und das auf dem Berg!) ging es dann für die allermeisten direkt ins Bett – aufgrund von Erschöpfung aber auch von Kälte – nach Sonnenuntergang fiel das Thermometer sehr schnell der Nullgradgrenze entgegen. Am dritten Tag durften wir bis fünf schlafen – zumindest wenn man denn so richtig hätte schlafen können. Neben der Kälte und Härte der Unterlage waren auch die taiwanesischen Hüttengenossen schlafverhindernd- mehrmals in der Nacht wurde laut rufend nach Wandergenossen gesucht. Führte das zu keinem Ziel, wurde einfach so vielen Schalfenden mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, bis die Gesuchten gefunden waren... Nach dem Aufstehen stand nur noch der Abstieg bevor – der allerdings auch noch 4,5 Stunden dauerte und mich meine allerletzten Kraftreserven kostete. Und mich meine eigene Verdrängungskraft bewundern ließ - ich hatte die Hälfte des Aufstiegs nämlich schon wieder vergessen. Warum tut man sich so etwas, auch noch halbfreiwillig, an? Trotz oder gerade wegen allem war es wunderschön! Wir haben weit über tausend Höhenmeter zurückgelegt und dementsprechend divers war auch die Landschaft. Und, auch wenn es ein Klischeewort ist, atemberaubend. Als wir beispielsweise am zweiten Tag um vier Uhr losliefen, war es noch stockfinster. Mit Taschenlampen ausgerüstet kletterten wir einen hexenwaldtauglichen Pfad empor. Als sich die Bäume lichteten, sahen wir hinunter auf ein wogendes Meer erleuchteter Wolken, darüber ein strahlend heller großer Wagen umgeben von anderen vertrauten Himmelsbildern. Der langsame Sonnenaufgang hinter den Bergen und über den Wolken ließ alle Mühen vergessen. Auch der Weg zum Gipfel war mehr als motivierend: kräftiger Sonnenschein, blaue Berge jenseits der Baumgrenze, Wolkenwellen im Tal, helle Felsen, vereinzelte herbstlich rote Pflanzen.  Auf dem Rückweg habe ich mit ein paar anderen ca. 1 Stunde von Taipei entfernt den Reisebus verlassen – um in einem Ort auszusteigen, der für seine heißen Quellen berühmt ist. Mehrere Stunden ließen wir Schwefel-, Kohle- und Lavendelbäder unsere Muskeln erwärmen, Wasserfälle unsere geschundenen Rücken massieren und chinesische Medizin über unsere Poren eintreten. Wir befreiten unsere Sinne im mentholgesättigten Schönheits-Dampfraum und ließen kleine Fische unsere tote Haut abknibbeln. Letzteres war zwar nur eine bedingt gute Idee, da die Fischchen scheinbar besonders gerne verletzte Haut mögen, von der wir an unseren Füßen und Knöcheln mehr als genug hatten (Ich sage nur: AUA!) – insgesamt jedoch war es der perfekte Abschluss des Ausflugs. Am nächsten Tag versuchte ich weiter auf der Wellnesswelle zu schwimmen und ging mit einer Freundin zur Massage am Straßenrand. Der Masseur wusste was er tat, aber: Ich habe mir das Schreien nicht verkneifen können… Letzendlich habe ich 3 Euro für eine halbe Stunden Schmerz bezahlt. ALLES tat und tut weh. Als er beispielsweise mit seinem ganzen Körpergewicht auf seinem Unterarm meine verhärteten Unterschenkel massierte merkte ich, wie lange ich schon keinen wirklichen Schmerz mehr habe spüren müssen… Sport ist eben doch Mord  Ansonsten geht es mir jedoch gut – die Midterms sind erfolgreich bestanden und nach den Prüfungen habe ich endlich mal Zeit gefunden, um wenigstens ein wenig mehr zu schlafen - und außerdem mal etwas anderes zu machen, als zu lernen. Ich war einmal mit ein paar Leuten tanzen (eine zugleich kuschelige und ausgelassene Schwulenbar mit hohem Wohlfühlfaktor), einmal beim Karaoke (ein Muss in Taiwan, dazu aber ein ander Mal mehr) und mehrmals lecker Essen (was man hier nicht nur relativ preisgünstig sondern sehr vielfältig tun kann). Ich hoffe, bei euch, wo auch immer ihr euch befinden mögt, ist auch alles in bester Ordnung! Liebe Grüße, Kerstin Am Rande: Gespräch mit einer taiwanesischen Studentin beim Essen, es gab überbackenen Toast: „ Sind wir Chinesen nicht schlau? Wir tun einfach alle Zutaten auf das Brot drauf, dann ist das total praktisch zu essen! So esst ihr im Ausland nie Brot, oder?“
Donnerstag, 12. November 2009
Halbzeit! …meines ersten Quartals im ICLP (so heißt mein Sprachprogramm). Zeit also für ein kleines Statusupdate:
Halbzeit, das heißt hier Midterms – also Prüfungen. Heute habe ich die letzte von vier derselben diese Woche hinter mich gebracht – puh!! Was für eine Woche… Anekdote zur Illustration: Letzten Donnerstag (der als Beispiel für alle anderen Tage stehen soll) entschuldigte ich mich vor dem Unterricht bei meinem Nebensitzer, weil ich etwas langsam auf eine Frage seinerseits reagiert hatte. „Sorry, ich bin heute um halb sechs aufgestanden, um meine Hausaufgaben fertig zu machen.“ Er: „Denk dir nichts dabei. Ich bin auch nur halb anwesend – ich bin um vier aufgestanden.“
Der Lohn für die ganz Mühe: Erlebe zur Zeit einen riesigen Vokabelspurt. Nachdem das Soziologiekapitel (Feudalismus, das altchinesische Clansystem etc.) und das Linguistikkapitel (Was ist Sprache an sich und was ist das Chinesische im Besonderen?) schon länger abgeschlossen sind, haben wir nun letzte Woche das Wirtschaftskapitel beendet (ich kann jetzt Wörter auf Chinesisch, deren deutsche Entsprechung ich nicht kenne) und stecken mitten im Politikkapitel (also Makesi, Lienin und co. Könnt ihr euch sicher erschließen was bzw. eher wer das ist, oder?). Was wir wohl in der zweiten Hälfte des Quartals machen werden??
Gott sei Dank gibt es trotz allem aber auch ein Leben nach bzw. neben dem Lernen : ) Vorletztes Wochenende war ich wie angekündigt in Tainan, um den 18. Geburtstag meiner nicht mehr ganz so kleinen Gastschwester Kim zu feiern. Dummerweise nur ist die Party von Samstagabend auf Sonntagabend verschoben worden, was ich erst nach meiner Ankunft in Tainan am Samstag erfahren habe. Musste also leider schon vor der eigentlichen Party abreisen, da ich noch knapp 5 Stunden Busfahrt nach Taipei zu bewältigen hatte. Es war zwar trotzdem ein sehr schönes Wochenende, aber berichten werde ich an dieser Stelle nur, dass ich dort war...
Am Sonntag war ich mit einigen meiner Kommilitonen wandern – richtig wandern, nicht taiwanesisch spazieren. Es war eine offizielle Wanderung des ICLP und für einige von uns inklusive mir Halbpflicht-Programm… Wie das? An Thanksgiving (danke, liebe amerikanische Mehrheit unter den Studenten!) bekommen wir eine Woche „frei“ – wir müssen nicht in den Unterricht, aber an mindestens zwei Language Missions teilnehmen – auf Deutsch: Ausflügen. Einer dieser Ausflüge ist eine dreitägige Bergwanderung, auf die ich mich schon unglaublich freue. Weil aber die Taiwanesen gerne überbesorgt sind, müssen wir gut auf diese drei Tage vorbereitet werden. Wir haben schon eine einstündige Einführung, eine sehr ausführliche Packliste und die Anweisung, regelmäßig joggen zu gehen bekommen. Weil das aber alles noch nicht reicht, haben einige Lehrer für das letzte und das kommende Wochenende Pflicht-Trainingswanderungen vorbereitet. Bei der letzten sollten wir zur Übung mindestens 5kg an Büchern zur Übung mitnehmen… Gottseidank war ich nicht folgsam: Die von den Lehrern vorbereitete Strecke ging ca. 3-4 Stunden bei strahlendem Sonnenschein bergauf – da wir dann nicht den vorbereiteten Weg von einer Stunde zurück gegangen sind sondern einen anderen, der nocheinmal ca. 4 Stunden, zum Teil weiter bergauf, zu einem anderen Bahnhof führte, hätte ich die Bücher sicher früher oder später zum Teufel gewünscht oder direkt ins Meer geschmissen, hätte ich sie denn mitgenommen. So viel zum Jammern. Ansonsten: Was für eine herrliche Strecke!!! Was für ein unglaublich schöner, trotz oder wegen aller Anstrengung unglaublich erholsamer Tag! Der erste Teil der Wanderung war früher eine bedeutende Verbindung zwischen Taipei und einem anderen Gebiet Nordtaiwans (Yilan). Die armen Leute damals, denen keine andere Straße zur Verfügung stand! Dieser Caoling Historic Trail gehört heute zu den bekanntesten Wanderrouten Taiwans und war dementsprechend völlig überlaufen – der Feldberggipfel an einem sonnigen Augustwochenende ist nichts dagegen. Omas, Opas, Kleinkinder, Hunde – eine endlose Schlange an Menschen und Sonnenschirmen wand sich den Berg hinauf. Dafür war der zweite, ungeplante Teil so gut wie menschenleer. Schön waren allerdings beide Strecken: Sanfte grüne Hügel mit Palmen und Wasserbüffeln, Felsen und Klippen und das Meer zu unseren Füßen. Gegen Nachmittag kam Nebel auf, so dass wir über den Wolken zu schweben schienen. Abends haben wir unserer Erschöpfung beim Essen auf einem kleinen Fischmarkt freien Lauf lassen können, bevor es dann mit dem Zug zurück nach Taipei ging.

Liebe Grüße aus dem Regen Taipeis,
Kerstin
Am Rande: Dasjenige meiner Lehrbücher, das oben erwähnt wird, ist 1959 geschrieben worden. Es ist eine spannende historische Quelle, gerade das aktuelle Politikkapitel. Zu der Zeit nämlich war das, was heute mehr oder weniger offiziell die taiwanesische Regierung ist, die Regierung Chinas im vorläufigen Exil auf Taiwan. Nun hat das mit dem schnellen Wiedervertreiben der Kommunisten auf dem Festland offensichtlich bisher nicht geklappt und bekanntlich hält ja nichts länger als ein Provisorium – anscheinend auch in politischen Sphären. Die damaligen deutlichen Worte unterscheiden sich sehr von den heutigen, diplomatisch verschleierten...
Donnerstag, 29. Oktober 2009
Ich bin noch keine 5 Wochen hier an der Uni, in mancherlei Hinsicht kommt es mir jedoch vor wie eine Ewigkeit. Nicht nur aber auch in sprachlicher. Als ich ankam, konnte ich allerlei für das Alltagsleben unentbehrliche Sätze von mir geben, wie z.B. Ich möchte gerne einen grünen Eistee mit Stärkebobbeln, Milch und wenig Zucker drin haben. Inzwischen kommen mir jedoch Begriffe wie kapitalistisches Wirtschaftssystem (zibenzhuyi jingji zhidu locker über die Lippen und ich unterhalte mich im Unterricht (nicht ganz so fließend aber immerhin) über die Währungspolitik der chinesischen Regierung während des Widerstandskriegs gegen Japan 1937-45. Mir schwindelt selbst ein wenig bei dem Gedanken. Mein Sprachprogramm ist wie es scheint nicht nur das intensivste, sondern gleichzeitig das akademische unter den Sprachlehrprogrammen in Taiwan… und trotz allen Wehklagens meinerseits bin ich immer noch der Meinung, die richtige Wahl getroffen zu haben. Dank Gesprächen mit Leuten die entweder gerade anderswo eingeschrieben sind oder mit solchen, die es waren und die nun meine Mitstudenten sind, baut sich so langsam ein Erasmus-liches Bild der anderen Uni-Programme in meiner Vorstellung auf. Hat natürlich auch was für sich, zugegeben, aber ich habe nun mal nur dieses eine Jahr um mein persönliches Ziel zu erreichen: ein normales chinesisches Buch lesen zu können. So. Jetzt habe ich es schriftlich. Mal schauen, was ich in 11 Monaten dazu zu sagen habe…
Um das Stubenhockerbild von mir und meinen Mitstreitern wenigstens ein wenig abzumildern, erwähne ich an dieser Stelle, dass am Samstag der erste Ausflug meines Sprachprogramms in diesem Quartal stattgefunden hat. Mit ca. 25 Leuten (der Rest wollte lieber Lernen / Schlafen / nicht auch noch am Wochenende mit uns rumhängen) sind wir nach Yingge gefahren, einem Städtchen am Rande Taipeis, das vor allem für sein Porzellan bekannt ist. Vormittags durften wir uns alle ein, zwei Stunden lang an der Drehscheibe versuchen und jeder durfte eine Vase oder Schüssel oder… töpfern. Obwohl ich drei Anläufe brauchte bis meine Müslischüssel ungefähr so aussah, wie ich es wollte, hat mir das unglaublichen Spaß gemacht. Nach einem bankettartigen Mittagessen haben wir einen reich verzierten Tempel in einem anderen Ort (Sanxia) besucht. Von der Führung habe ich leider nur die Hälfte verstanden – was aber hängen geblieben ist: der Tempel wurde zu einer Zeit, als das Konzept des Recyclings gerade in Taiwan angekommen war, gebaut. Aus diesem Grund ist ein Teil des Dachs mit grünem Glasmosaik geschmückt: ehemals Flaschen der Marke Taiwan Beer.

So bald ich Zeit finde, um die Fotoalbumsfunktion in den Blog einzubauen, werde ich euch mehr Bilder zeigen, da der Tempel wirklich sehenswert ist.
Am Sonntag hatte ich dann solche Entzugserscheinungen, dass ich mittags schnurstracks in die Uni gefahren bin. Na gut – ich habe auch Geld dafür bekommen. Mein Sprachlehrzentrum bildet nämlich auch Chinesischlehrer aus und hat für einen Lehrgang Versuchskaninchen bzw. –studenten gesucht. Man hatte uns vorab gesagt, es sei eigentlich wie normaler Unterricht, außer dass es eben Sonntag sei und wir dafür bezahlt würden anstatt dafür zu zahlen. Was uns allerdings niemand gesagt hatte, war dass der „normale“ Unterricht mit Mikrofon stattfand. Weil nämlich um die 50 angehende Chinesischlehrer zusahen. Wir saßen zu dritt vorne und mussten einen Text vorlesen und Fragen dazu beantworten. Zwischendrin gab es immer wieder kurze Pausen, in denen erstens unsere Lehrerin wechselte (es waren nur zwei Männer im Raum) und zweitens über das gerade Geschehene gesprochen wurde. Sowohl über das Vorgehen der jeweiligen Lehrerin als auch über uns, also z.B. Die Deutsche auf der rechten Seite, Fräulein Pan, hat jetzt noch dieses oder jenes Problem mit dem Chinesischen obwohl sie schon zwei Jahre lang Unterricht hatte weil sie nicht durchgängig gelernt hat sondern immer wieder Unterbrechungen zwischendrin hatte. Dieses Wochenende fahre ich mal wieder nach Tainan - weil nämlich meine kleine ehemalige Gastschwester Kim 18 (!) Jahre alt wird und mich zur Familienfeier eingeladen hat. Da gehe ich natürlich sehr gerne hin - auch wenn mir dadurch die Halloweenpartys meiner Mitstudenten entgehen werden... und auch wenn ich es absolut nicht fassen kann, dass sie schon so groß sein soll...Kim...18...unglaublich.
Ansonsten habe ich links in die Shoutbox meine Ferienzeiten gepostet - an alle potentiellen Besucher gerichtet 
Liebe Grüße in die Welt hinaus!
Kerstin
Am Rande: Manchmal vergesse ich, wie kurz die Moderne im westlichen Sinn erst in Taiwan angekommen ist. So bewirbt sich ein Hersteller der chinesischen Version eines Zwiebelkuchens auf dem Nachtmarkt bei mir um die Ecke als Traditionsunternehmen:

Freitag, 23. Oktober 2009
So langsam aber sicher beginne ich, mich hier ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Von der Bedeutung eines eigenen Zimmers habe ich letztes Mal schon geschrieben. Diese Woche nun habe ich begonnen, auch meine äußeren Lebensbedingungen zu freiburgisieren. Kurz gefasst: Ich habe ein Fahrrad, ein Schwimmbad und den Schwarzwald! Na gut, letzteres ist eher das Schwarzwald und ein Restaurant in meinem Stadtviertel das obwohl anscheinend wirklich gut (war selbst noch nicht drin) natürlich nicht mit dem Schluchsee und co. mithalten kann. Aber immerhin! Es gibt wohl sogar Brot!! Dafür ist das Schwimmbad ein wirklich echtes richtiges ungefälschtes Schwimmbad – und wer mich näher kennt, weiß wie wichtig ein solches für mein Wohlbefinden ist. Da der Großteil der Taiwanesen Angst vor Wasser hat, sind die wenigen öffentlichen Schwimmbäder die es hier gibt im Allgemeinen klein, flach, badewannenwarm, überfüllt und zudem noch überteuert. Die Taida (meine Uni, ihr erinnert euch) sorgt aber dermaßen gut für ihre Studenten, dass sie uns nicht nur ein, sondern gleich zwei Becken zur Verfügung stellt – eines drinnen, eines draußen. Am Mittwoch vor Unterrichtsbeginn war ich in letzterem und bis auf die fehlende Tiefe (zu gefährlich) ist es genau das Gegenteil des Status Quo. Für einen Monat bezahle ich als Studentin so viel, wie anderswo in der Stadt pro Eintritt. Außerdem waren nur Leute die tatsächlich schwimmen können vor Ort – ein Traum! Auch mein Fahrrad stammt von meiner alles bedenkenden neuen Alma Mater. Möchte man sein Fahrrad irgendwo auf dem relativ weitläufigen Campus der National Taiwan University abstellen, muss man sich registrieren und einen Sticker mit Identifikationsnummer – also eine Art Fahrrad-Nummernschild – an seinem Rad anbringen. Tut man das nicht, wird es abgeschleppt. Das passiert wohl relativ häufig und so kommt die Uni jedes Semester zu einer ansehnlichen Sammlung an Fahrrädern, die sie einmal pro Semester an ihre Studenten (zurück-)verkauft. Da sie netterweise nur umgerechnet 8 Euro pro Rad verlangt, ist der Andrang entsprechend groß. Zum Glück hatte eine Mitarbeiterin meines Sprachzentrum uns über diese Umstände informiert, so dass ich am Dienstagmorgen, an dem der Beginn des Verkaufs für 8 Uhr angesetzt war, schon um viertel nach fünf Uhr morgens vor Ort war. Da wir später Nummern ziehen mussten, weiß ich, dass genau 69 Leute vor mir in der Schlange standen – angeblich haben einige sogar dort übernachtet. Spätaufsteher, die nach sechs kamen, bekamen kein Rad mehr. Nachdem wir um 7.30 Uhr besagte Nummern ziehen durften, wurden wir dann ab 8 Uhr der Reihe nach in Zehnergruppen in die Halle mit den Rädern gelassen und durften uns eines aussuchen. Das unieigene Reparaturteam stand danach draußen bereit für Anpassungen aller Art. Seitdem habe ich also ein Rad – selbstverständlich ohne Schnickschnack wie Gangschaltung oder Licht und mit viel Rost dekoriert, aber es fährt und - gerade in Taipeis Verkehr nicht unerheblich - es bremst!
Ich vergrabe mich jedoch nicht in meinem Klein-Europa, sondern suche gleichzeitig auch nach der wahren taiwanesischen Kultur. Soll heißen: Am Mittwoch hat mein Karaoke-Kurs begonnen! Der Kurs wurde auf Wunsch von Studenten eingerichtet und wird von der Leiterin meines Sprachprogramms höchstpersönlich durchgeführt – dementsprechend gründlich gehen wir das Ganze an… Das Singen macht also nicht nur sehr viel Spaß, sondern bringt auch für unser aller Chinesisch einiges, da sich Lehrerin Fan die unglaubliche Mühe gemacht hat, alle Vokabeln aufzulisten und zu übersetzen. Taiwanesische Popsongs sind zudem praktischerweise ähnlich einfach und einprägsam gestrickt wie überall auf der Welt – und dazu noch voll mit allerlei nützlichem Jugendslang Wir haben uns drei sehr verschiedene Lieder aus der breiten Zeitspanne 1937 – 2008 vorgenommen. Ein Beispiel: ein Song mit dem international übertragbaren Titel Ich bin wieder zum ersten Mal verliebt von der in ganz Asien ziemlich angesagten Gruppe Wuyuetian (Mayday), von diesem habe ich unter anderem gelernt auf Chinesisch Ist mir doch egal zu sagen.
Aber auch die klassische chinesische Kultur kommt nicht zu kurz: Gestern hatte ich zum zweiten Mal meinen Kalligraphie-Kurs. Unser Lehrer bringt jahrzehntelange Erfahrung in dieser Kunst mit, wenn die Zeit ausreichte, könnten wir glaube ich ziemlich viel von ihm lernen. Mir gefällt der Kurs bisher sehr gut, das Pinseln hat etwas sehr meditatives. Nachdem wir letzte Woche nur aus dem Zuschauen lernen durften, haben wir gestern zum ersten Mal selber einen Pinsel in die Hand bekommen. Die erste Stunde haben wir geübt, einen Punkt zu malen. Die zweite Stunde haben wir damit verbracht, uns an einem Strich zu versuchen. Als Zuckerl durften wir uns schließlich in den letzten paar Minuten an ein ganzes Schriftzeichen wagen: das Zeichen für yong = ewig...
 Auf dem Bild schreibt unser Lehrer gerade meinen Namen
Am Rande: Taiwan wird gerne als Asien fuer Einsteiger gehandelt. Nach meinen ersten vier Wochen hier koennte ich wohl Taipei analog als Taiwan fuer Einsteiger bezeichnen... Nicht nur gibt es an jeder Ecke Maidanlau und Schibake (Na? Wer weiss es? Richtig, MacDonalds und Starbucks) sondern man bekommt hier auch von Bagels ueber Pizza bis hin zu diversen Milchprodukten fast alles - im Gegensatz zu Tainan (wo ich letztes Mal war) oder noch kleineren Staedten. Restaurants aller Herren Laender (siehe Schwarzwald) sind ueber die Stadt verstreut.
Dienstag, 20. Oktober 2009
Am Freitag Abend habe ich den Fehler begangen, auf dem Nachhauseweg noch einen Eistee von einem der zahlreichen Teestände, die auf meinem Weg liegen mitzunehmen. Nun weiß ich, was ich eigentlich vorher hätte wissen müssen: Frischer grüner Tee hält mindestens genauso gut wach wie starker Kaffee. Da ich die Nacht von Freitag auf Samstag folglich kaum geschlafen habe, stand ich das ganze Wochenende etwas neben mir. Vielleicht aber hat es der Zufall oder das Schicksal oder wie auch immer man es nennen mag leichter mit einem, wenn man zombiegleich durch den Tag schwimmt? Wenn ich am Sonntag nicht zu erschöpft gewesen wäre, um mich zu wundern, hätte ich dasselbe jedefalls reichlich getan. Nach einem gemütlichen Sonntagmorgen mit etwas Vokabellernen und etwas mehr Ausruhen bin ich gegen Mittag Richtung Nationaltheater aufgebrochen. Dort ist gerade japanischer Monat / japanisches Jahr (?) angesagt und aus diesem Anlass führte eine japanische Truppe ein modernes Tanzstück auf, dass ich unbedingt sehen wollte. Da ich noch keine Karte hatte, war ich ziemlich früh vor Ort. Auf dem riesigen Platz, der sich zwischen Nationaltheater, Nationaler Konzerthalle und der in meinem Reiseführer als achtes Weltwunder bezeichneten Chiang-Kaishek-Gedächtnishalle auftut, fand gerade eine Art riesiger Wohltätigkeitsbasar statt. Unter rotweißen Baldachinen wurden an zahlreichen Ständen von verschiedenen Vereinen und Interessengruppen diverse Produkte für einen guten Zweck verkauft. Da diese Veranstaltung wohl nur einmal im Jahr stattfindet, habe ich wie es scheint gerade den richtigen Tag erwischt. Nachdem ich meine Theaterkarte erworben hatte, bummelte ich also zwischen den Ständen umher. Weil ich nicht mit leerem Magen ins Theater wollte, blieb ich bei einem Stand stehen, der ein gefülltes, herzhaftes Gebäck mit rätselhaftem Inhalt verkaufte. Aus meiner Frage, ob in den Faweibing Fleisch drin sei, ergab sich ein längeres Gespräch, an dessen Ende mir eine Dame vorgestellt wurde, die sich als Qigong-Lehrerin herausstellte, die ab November einen englischsprachigen Abendkurs anbieten wird. Schon seit meiner Ankunft suche ich nach einem Verein, in dem ich a. Leute kennenlernen und b. was typisch Chinesisches machen kann. Bisher allerdings wenig erfolgreich. Noch mehr gefreut habe ich mich, als ich erfahren habe, dass die Kurse in dem Stadtviertel, in dem ich wohne, stattfinden werden. Das Tanzstück (übrigens von einer Gruppe, die sich in Ablehnung aller –ismen Noism nennt) hat mir sehr gut gefallen, allerdings ließ meine Konzentrationsfähigkeit bedauerlicherweise zu wünschen übrig. Nach dem Stück schaute ich mir draussen die letzten paar Stände an. Da das erste Gebäckstück zwar sehr lecker aber nicht sättigend gewesen war, blieb ich wieder bei einem Stand mit einer anderen Art gefüllter Teigtaschen stehen. Und wieder dasselbe Spiel: Aus meiner Frage nach dem Inhalt der Baozi ergab sich ein Gespräch, in dessen Verlauf eine der Organisatorinnen des Basars als Übersetzungshilfe herbeigeholt wurde, weil mein Chinesisch noch nicht für alle Zutaten reicht. Die Frau stellte sich letztendlich als Teilzeitmitarbeiterin meines Sprachprogramms heraus. Nur am Rande: in Taipei kann man an diversen Unis Chinesisch lernen, und mein Programm ist mit seinen 80 Studenten pro Jahr mit Abstand das kleinste von allen. Jedenfalls wird diese Dame mich, da ich ja so gerne Tanz ansehe, in Zukunft auf dem Laufenden halten was Vorführungen traditioneller Tänze etc. angeht. Bauchgefühl im wahrsten Sinne des Wortes 

Auf dem Nachhauseweg ging ich auf dem Weg von der Metro nach Hause noch einen kleinen Umweg. Ich hoffte, auf ein nettes Kaffee- oder Teehaus zu stoßen, um mich dort später meinen Hausaufgaben widmen zu koennen, da ich zu Hause ganz sicher dabei eingeschlafen wäre. Ich ärgerte mich dabei ein bisschen über mich selber: einer meiner Mitstudenten, einer der beiden anderen Deutschen, hatte mir vor einer Woche mal erzählt, er komme immer in dieses Viertel in ein besonders nettes Café – und ich Dödel hatte mir den Namen desselben nicht gemerkt. Auf der Straße wurde ich plötzlich mit Namen angesprochen von – richtig – Johann, dem Café-Empfehler. Ich möchte an dieser Stelle auch wieder nur kurz erwähnen, dass Taibei immerhin 2,7 Millionen Einwohner hat und es durchaus auch andere für Studenten attraktive Viertel gibt. Und dass das Viertel in dem wir gerade waren durchgehend von Menschenmassen gefüllt ist. Nach einem kurzen Mittagsschlaf zu Hause machte ich mich also auf Richtung Café – begleitet von meiner neuen Mitbewohnerin, die mir ein noch tolleres Café zeigen wollte. Ich folgte ihrer Empfehlung, die Bedienung wies mir einen, den letzten, freien Tisch zu. Und wer sitzt neben mir? Die beiden anderen Mädels aus meinem Sprachprogramm, die bereits ihren Abschluss haben und die mir sowohl alters- als auch interessentechnisch näher zu stehen scheinen als die meisten anderen – mit denen ich schon länger mal ins Gespräch kommen wollte, wozu aber bisher die Gelegenheit fehlte. 
In diesem letzen Abschnitt sind gleich zwei wichtige Stichworte gefallen auf die ich hier kurz eingehen möchte:
1. Mitstudenten. Mein erster Eindruck hat sich gottseidank relativiert, es sind zwar auch einige Klischeevertreter dabei, aber insgesamt ist es doch eine buntere Mischung an Leuten, als es zunächst schien. Da gibt es sicherlich noch so einiges zu entdecken – ich freue mich jedenfalls auf das gegenseitige Kennenlernen. Kurze Statistik zu Äußerlichkeiten (da ich sonst noch nicht besonders viel sagen kann): Zu mindestens 90% Amerikaner, daneben außer mir noch zwei Deutsche, ein Engländer, eine Japanerin, mindestens eine Französin und eine Weißrussin. Und wer weiß, wen ich alles noch nicht kennen gelernt habe. Auffallend ist die Dichte an Harvard-Yale-MIT-etc-Studenten, ich komme mir langsam schon minderwertig vor, da kann sich meine Alma Mater Elite-Uni nennen so viel sie will. Selbst die Nichtamerikaner bilden keine Ausnahme – so studiert der eine Deutsche in Harvard und die Französin in Oxford… Ansonsten sind wie bereits erwähnt ca. 50% ABCs, also in den USA geborene oder aufgewachsene Chinesen / Taiwanesen, die nun endlich die Sprache ihrer Eltern richtig sprechen lernen wollen. Letztere tun mir ein bisschen leid, weil von ihnen im Gegensatz zu uns nicht-Asiaten auf der Straße erwartet wird, dass sie Chinesisch sprechen Im Gegensatz zu ihren blonden Kommilitonen werden sie nicht ständig für ihr Chinesisch gelobt sondern schief angeguckt, weil sie es nicht beherrschen.
2. Mitbewohner. Ja, ich habe jetzt Mitbewohner! Sprich: ich habe auch ein Zimmer!! Endlich, endlich, endlich, ihr könnt euch kaum vorstellen, wir erleichternd es ist, einen Raum für mich zu haben. Ich bin am Donnerstag Abend eingezogen und habe am Wochenende direkt mit dem Dekorieren begonnen, um mir eine kleine europäische bzw. noch viel mehr persönliche Oase in Taipei zu schaffen. Pflanzen, Bettbezüge, Wandfarbe: wenn schon, dann auch richtig! Meine beiden Mitbewohner, Karen aus den USA und Theresa aus Taiwan, scheinen immer noch sehr nett zu sein, ich habe bisher allerdings noch nicht so richtig viel mit ihnen zu tun gehabt. Bisher kann ich nur sagen, dass Karen sehr gerne und sehr viel redet und Theresa fuer taiwanesische Verhaeltnisse sehr offen ist. Die Nachbarn habe ich auch schon kennengelernt, ich muss wohl ein leider einfuegen... Ca. eine halbe Stunde nachdem ich eingezogen war (ich war home alone), klingelte es - und auf mein unvorsichtiges Tueroeffnen folgte ein 45-minuetiger Redeschwall einer kleinen taiwanesischen Dame. Ich hielt sie zunaechst fuer die Vermieterin, weil sie sich ueber die Schuhe beschwerte, die einen unordentlichen Haufen neben der Eingangstuer bildeten. Aber nein, sie war nur die besorgte Nachbarin aus einem Stock ueber unserem (dem 4.). Ausser den Schuhen hatte sie noch den Zustand des Sofas sowie des gesamten Wohnzimmers, das sie hinter mir erblicken konnte, zu beanstanden. Nachdem sie sich an mir vorbeigedraengt hatte, kam der Zustand der Kueche dazu (ihr seid doch jetzt drei Frauen hier, oder??). Ausserdem sollten wir unserem Vermieter doch ganz dringend mal sagen, dass eines unserer Tuerschloesser und die Tuer zum Balkon kaputt seien. Und wir sollten doch unseren Freunden sagen, dass sie abends nicht so laut reden sollen. Und den zweiten Fernseher, der doch bestimmt kaputt sei, koennten wir doch mal wegschmeissen. Und ich solle die Kratzer auf dem Boden fotografieren. Ich erspare euch mal den Rest - jedenfalls nahmen ihre Kritikpunkte kein Ende... den mehrfach vorgebrachten Einwand meinerseits, dass ich erst seit 30 Minuten in dieser Wohnung leben wuerde, liess sie jedenfalls nicht gelten. Gerettet wurde ich von dem armen Maedel aus dem 5. Stock - sie kam nicht an unserem Stock vorbei: Sag mal, was macht ihr da bei euch oben eigentlich abends immer? Ich hoere euch immer hin und her laufen, den ganzen Abend, und her und hin und...
Als Abschluss ein Foto, das euch die nächtliche Sicht von meiner neuen Dachterrasse zeigt. Da mein Haus nur 7 Stockwerke hat, ist die Sicht nur bedingt spektakulär – mir gefällt sie jedoch. Das schmale Hochhaus im Hintergrund ist das bereits erwähnte 101, bis vor nicht allzu langer Zeit höchstes Gebäude der Welt.

Am Rande: Taiwanesen sind unglaublich freundliche Menschen - man kommt so leicht mit Leuten ins Gespraech! Neulich auf dem Weg zur Uni hat meine Frage nach einer bestimmten Strasse mir nicht nur eine Wegbegleterin auf dem Weg zur Uni, sondern ein 45minuetiges Gespraech mit einer netten aelteren Dame mit Hund eingebracht, an dessen Ende nicht nur eine Einladung zum Essen und die Aussicht auf die Vermittlung diverser Kontakte sondern sogar das Angebot eines geschenkten Fahrrads standen...
Dienstag, 13. Oktober 2009
Dieses etwas verschwommene Bild zeigt den Sticker, den ich heute den ganzen Tag an meiner Kleidung getragen habe. Er verkündet erstens, dass ich heute Morgen die zwölfte war, die das Sprachzentrum betreten hat, Zweitens zeugt er davon (seine eigentliche Daseinsbegründung), dass ich bislang H1N1-frei bin. Dafür bin ich wohl leider klinisch tot. Der nette Mann am Eingang hat nämlich heute Morgen eine Temperatur von 31 Grad Celsius bei mir gemessen. Er hat sich zwar ein wenig gewundert, mich dann aber anstandslos durchgelassen. Es gilt wohl: Hauptsache kein zu hoher Wert.
Zufälligerweise war heute aber auch mein zwölfter Tag an der Taida. So langsam kehrt so etwas Ähnliches wie Alltag ein, zumindest ein vorläufiger Alltag – noch wohne ich ja nicht in meinem eigenen Zimmer. Schon nach nur zwölf Tagen sehen meine (Mon- bis Frei-)Tage schon langweilig gleichförmig aus:
6.00 Aufstehen 6.30 Aus dem Haus (Hier duscht man abends und frühstückt unterwegs), zu Fuß und mit der U-Bahn zur Uni (eine halbe Stunde später würde der Weg dank Rushhour noch um einiges länger dauern) - unterwegs höre ich die MP3-Aufnahmen der Unterrichtstexte 7.30 Ankunft an meinem Sprachzentrum, noch letzte Hausaufgaben bzw. Vokabelwiederholungen, weil 8.10 Erster Kurs, der jeden Morgen mit einem Diktat beginnt Bis 12.00 Noch drei weitere Kurse 12.00 Mittagessen mit Kommilitonen in einer der Mensen oder einem der vielen kleinen Restaurants um die Uni herum - bisher ausnahmslos extrem lecker und extrem preisgünstig 13.00-21.00: Hausaufgaben und Lernen für die Tests am nächsten Tag, unterbrochen durch: kurzen e-Mail-Check, kurzen Mittagsschlaf auf den traditionellen Holzbänken im Aufenthaltsraum, schnelles Abendessen mit oder ohne Kommilitonen und an manchen Tagen noch zusätzliche Kurse Ab 22:00 Blog, Mails, Telefonate und co sowie noch mehr Hausaufgaben 1.00 bis 2.00 Insbettgehzeit
In Taiwan (sowie Korea und Japan) besuchen so gut wie alle Schüler nach dem normalen ganztägigen Schulunterricht so genannte Bushibans, im Grunde Paukschulen. In diesen wird der Schulstoff vertieft bzw. den Schülern eingetrichtert. Das ICLP (mein Sprachzentrum) scheint an dieses Bushibansystem angelehnt zu sein. Es ist unglaublich anstrengend (Magisterarbeit ist ein Klacks dagegen!) und fordert mich heraus, wie ich schon lange nicht mehr herausgefordert wurde. Und… es macht mir Spaß. Ich sehe euer aller Kopfschütteln drüben auf der anderen Seite des eurasischen Kontinents, ich finde mich selbst auch etwas seltsam. Allerdings wahrscheinlich nicht mehr lange: wie schon von mehreren Kommilitonen festgestellt worden ist, ist die Nerd-Dichte am ICLP extrem hoch – und falls ich bisher keiner war (wobei ich mir da auch nicht sicher bin), färbt das bestimmt ab. Alle spielen das Spiel mit: Kaum einer hier schläft mehr als ich, zum Teil sprechen wir sogar während der Mtitagspause Chinesisch untereinander und der Austausch darüber, an welchen Kursen und Aktivitäten man an der Taida zusätzlich zum normalen Lernpensum noch teilnehmen kann, ist rege 
Auch die beiden Kinder der Familie in der ich momentan noch wohne besuchen selbstverständlich verschiedene Bushibans… Sie führen soweit ich das beurteilen kann ein sehr typisch taiwanesisches Leben, welches sich etwas von dem deutscher Teenager unterscheidet. Die 15-jährige Tochter sitzt, wenn sie nicht gerade in der Schule oder Bushiban ist, zu Hause und lernt. Meist bis abends um 11 oder 12. Morgens wenn ich aus meinem Zimmer komme ist sie schon auf dem Weg zur Schule. Ihr 13-jähriger Bruder spielt zwischen dem Lernen wenigstens auch noch mal Wii (für die älteren Semester unter euch: eine Videospielkonsole, die auf Bewegungen des Spielers reagieren kann), ist ansonsten aber auch stark an zu Hause und seine Familie gebunden. Sein Vater möchte das auch gerne so. Er arbeitet heute als Taiwanesisch-Lehrer und war in seiner Jugend ein so glühender Anhänger der pro-Taiwan-Bewegung, dass er sich weigerte, Englisch zu lernen und nur solche Dinge lernte, die mit taiwanesischer Kultur zu tun hatten. Das bereut er heute, um so mehr sollen seine Kinder lernen. Und Lernen heisst Pauken. Seine Frau, die mir dies alles erzählt hat, ist dagegen etwas lebensnaher (wie sie es nennt) eingestellt. Sie möchte, dass ihre Kinder eigenständig denkende Wesen werden, die nicht ihre ganze Jugend am Schreibtisch verbringen. Am Sonntag sollte ich helfen, zumindest den 13-jährigen Sohn ein Stück weit auf diesem Weg zu begleiten. Ich sollte mit ihm zusammen ins Schwimmbad gehen, da er das selbstverständlich nicht alleine kann, aber auch mal ohne seine Eltern aus dem Haus soll. Am Sonntag stellte er sich dann aber doch etwas bockig an und außerdem regnete es, weshalb uns seine Mutter bis zum Schwimmbad begleitete. Da sie dann eh schon dort war, blieb sie auch gleich am Rand des Beckens stehen. Nach kurzer Zeit kam ihr Ehemann nach, ich bin mir nicht so sicher, ob er seinen Sohn auf dem ersten Schritt in die Selbstständigkeit beobachten oder nur seiner Frau Gesellschaft leisten wollte. Obwohl er eigentlich ganz gut schwimmen kann, besonders für taiwanesische Verhältnisse (in denen der Großteil der Bevölkerung nicht schwimmen kann), schluckte der junge Mann gleich zu Anfang etwas Wasser. Daher musste er sich dann nach jeder zweiten Bahn bei seinen Eltern am Rand erholen bzw. sich trösten lassen. Zur Belohnung sind wir danach alle sehr lecker essen gegangen.
Kerstin
Am Rande: Zur Zeit höre ich beim Zeichenwiederholen rauf und runter: Vienna Teng, Bonnie Prince Billy, Antony and the Johnsons. Kann ich alle sehr empfehlen, allerdings ist ganz offensichtlich noch nichts Chinesisches dabei (Vienna Teng ist laut Wikipedia immerhin taiwanesischer Abstammung...). In den chinesischen Popkosmos tauche ich allerdings spätestens ab nächster Woche ein: dann beginnt nämlich meine KTV-Klasse. KTV, in Europa besser unter dem Namen Karaoke bekannt, ist hier die Freizeitbeschäftigung schlechthin. Dementsprechend besuche ich also auch keinen Chor, sondern eine KTV-Class, in der wir gemeinsam chinesische Popmusik singen werden 
Samstag, 10. Oktober 2009
Die ganze Stadt ist mit Flaggen übersäht. Grund: Heute ist Doppelzehntag. So nennt man hier den Nationalfeiertag der Republik China, wie Taiwans offizieller Name lautet (nur zur Erinnerung: das Land auf der anderen Seite der Straße von Taiwan heißt Volksrepublik China). Am 10.10.1911 fand in China ein bedeutender Aufstand statt, der letztlich zur Ablösung der letzten chinesischen Dynastie führte. Auf diese Dynastie, die Qing-Dynastie, folgte die Republik China, die am 1.01.1912 gegründet wurde und deren Regierung sich 1949 (nach dem Verlust des Bürgerkrieges gegen die kommunistische Partei) auf die Insel Taiwan zurückziehen musste. An diesem Datum beginnt auch die taiwanesische Zeitrechnung – wir befinden uns hier also momentan im Jahr 98 der Republik. Dementsprechend bin ich hier eine alte 69erin, wie ihr auf meinem Studentenausweis erkennen könnt:

Das über dem Geburtsdatum ist übrigens mein Name  Zum Glück wurde die Republik zufälligerweise am 1.01. gegründet und außer für die Berechnung von Feiertagen wie Mondfest oder Neujahr wird im Allgemeinen das Sonnenjahr verwendet, so dass ich wenigstens meinen Geburtstag und -monat beibehalten darf. Allerdings bin ich hier leider ein Jahr älter, da das Geburtsjahr mitgezählt wird.
Zum Stand meiner Wohnungssuche: Habe mir inzwischen 10 Zimmer angeschaut, was einen Schnitt von 1 Zimmer pro Tag ergibt (das Wochenende in Tainan zähle ich mal nicht mit). Das Ergebnis: ich habe keine Lust mehr. Das Wohnungssuchen an sich ist eine spannende Angelegenheit (dazu mehr, wenn ich endlich von meinem eigenen Zimmer aus schreibe – vorher möchte ich nicht weiter daran denken), aber ich mag nicht mehr aus meinem Koffer leben, und auch nicht in einem fremden Zimmer hausen, so nett die Familie bei der ich gerade wohne auch sein mag. Außerdem kostet das Wohnungssuchen extrem viel Zeit (von Energie ganz zu schweigen). Taipei ist nicht Freiburg, weshalb ich oft gut eine Stunde brauche, um das zu besichtigende Zimmer überhaupt zu erreichen… wodurch ich schon jetzt in meinem Lernpensum hinterherhinke (nur, um an dieser Stelle noch einmal jammern zu können:). Kurzer Sinn: Gestern Abend habe ich einer WG hier zugesagt, dass ich bei ihnen einziehe. Ich glaube es selber noch nicht so ganz, weil ich nur kurz am Telefon zugesagt habe und nichts schriftlich habe und außerdem nicht so hundertprozentig von meiner Wahl überzeugt bin, aber ich glaube, dass ich damit ein Zimmer habe. Jetzt wo ich es schreibe, wird es schon ein bisschen wirklicher: Ich habe ein Zimmer! In das ich Mitte nächster Woche einziehen kann! Ein eigenes Zimmer!! Es ist in einer 3er WG, die an sich von der Wohnung her nicht spektakulär ist, man könnte sie höchstens euphemistisch als Taipei-typisch bezeichnen. Was bei näherer Betrachtung jedoch alles andere als ein Kompliment ist. Ausschlaggebend für meine Wahl waren daher die Lage sowie die Mitbewohner… wobei ich mir bei letzteren auch noch nicht so sicher bin, aber das muss sich einfach zeigen. Es ist ja auch nur für ein Jahr. Es sind jedenfalls eine Amerikanerin und eine Taiwanesin, beide Englischlehrerinnen. Die Lage der Wohnung ist allerdings wirklich nicht schlecht – mitten im extrem lebendigen Viertel um die größte Uni Taipeis herum (nicht meine Uni – mit dem Fahrrad, das ich bald besorgen werde, sind es von dort allerdings nur um die 10 Minuten bis zu meiner Uni). In diesem Viertel liegt ein Minirestaurant mit leckerem Essen neben dem anderen, dazwischen Buchläden und andere auf Studenten zugeschnittene Läden. Nachts wird das Viertel zu einem von Taiwans berühmten Nachtmärkten, auf denen von Snacks aller Art über billige Kleidung bis hin zu kleinen Haustieren alles mögliche mal mehr, mal weniger legal angeboten wird. Und, Riesenbonus: das Haus hat eine Dachterrasse mit ein paar Pflanzen und zumindest nachts spektakulärer Aussicht unter anderem auf das 101 (Taipeis höchstes Gebäude mit, Überraschung, 101 Stockwerken). Und, noch ein Riesenbonus: Die Mitbewohner sind Besuch, auch längerem Besuch aus Deutschland, gegenüber extrem aufgeschlossen. 
Ansonsten ist eigentlich alles in Ordnung hier bei mir – bis auf die Tatsache, dass sich nun nach Erdbeben und Taifunen die dritte Panikwelle seit meiner Ankunft vor zwei Wochen ausbreitet: H1N1, auch bekannt als Schweinegrippe (an dieser Stelle einen lieben Gruß an Merle in Berlin!). Nachdem schon länger an allen möglichen und unmöglichen Stellen in der Öffentlichkeit Desinfektionsmittel zur allgemeinen Benutzung aufgestellt sind, Gesichtsmasken ein weit verbreitetes Accessoire sind und Hustenanfälle beizeiten zu panischen Fluchtbewegungen der Umstehenden führen, hat die (Panik-?)Epidemie nun scheinbar auch mein kleines Reich erreicht. Gestern Abend habe ich eine als dringend gekennzeichnete E-Mail von meinem Sprachzentrum an der Uni bekommen: Einer meiner Kommilitonen ist krank und es könnte theoretisch die Schweinegrippe sein – deshalb werden ab Montag Morgen fiebermessende Mitarbeiter am Eingang des Gebäudes stehen und jeden untersuchen, der das dasselbe betreten möchte. Ist die Temperatur zu hoch, heißt es nach alter Türstehermanier: Hier kommst du nischt rein. Des Weiteren gelten ab sofort diverse Sicherheitsmaßnahmen, so müssen wir nach jeder Benutzung eines Computers an der Uni sowohl die Maus als auch die Tastatur desinfizieren. Sollten wir uns auch nur ein bisschen unwohl fühlen, dürfen wir nur noch mit Atemmaske im Unterricht erscheinen.
Liebe – hoffentlich virenfreie - Grüße aus der Ferne!
Kerstin
PS: Sollte sich jemand über den Titel des Eintrags wundern: 591 ist die taiwanesische Kleinanzeigen-Webseite, die ich (unter anderem) für die Wohnungssuche verwendet habe 
Am Rande Kaum schreibe ich von der Schweinegrippe, meint mein Laptop auch, krank werden zu müssen. Eigentlich wollte ich gestern Abend diesen Blogeintrag machen. Kaum hatte ich den Teil über H1N1 jedoch fertig geschrieben, lief die Festplatte plötzlich ganz heiß, alles blieb stehen und der Computer ließ sich auch mit Powerknopf nicht mehr ausschalten. Erst eine panische SMS nach Deutschland brachte die (eigentlich einfache aber spätnachts nicht unbedingt evidente) Heilung: Akku raus, Akku rein. Wenn das beim Menschen auch mal so einfach wäre...
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