So langsam aber sicher beginne ich, mich hier ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Von der Bedeutung eines eigenen Zimmers habe ich letztes Mal schon geschrieben. Diese Woche nun habe ich begonnen, auch meine äußeren Lebensbedingungen zu freiburgisieren. Kurz gefasst: Ich habe ein Fahrrad, ein Schwimmbad und den Schwarzwald!
Na gut, letzteres ist eher das Schwarzwald und ein Restaurant in meinem Stadtviertel das obwohl anscheinend wirklich gut (war selbst noch nicht drin) natürlich nicht mit dem Schluchsee und co. mithalten kann. Aber immerhin! Es gibt wohl sogar Brot!!
Dafür ist das Schwimmbad ein wirklich echtes richtiges ungefälschtes Schwimmbad – und wer mich näher kennt, weiß wie wichtig ein solches für mein Wohlbefinden ist. Da der Großteil der Taiwanesen Angst vor Wasser hat, sind die wenigen öffentlichen Schwimmbäder die es hier gibt im Allgemeinen klein, flach, badewannenwarm, überfüllt und zudem noch überteuert. Die Taida (meine Uni, ihr erinnert euch) sorgt aber dermaßen gut für ihre Studenten, dass sie uns nicht nur ein, sondern gleich zwei Becken zur Verfügung stellt – eines drinnen, eines draußen. Am Mittwoch vor Unterrichtsbeginn war ich in letzterem und bis auf die fehlende Tiefe (zu gefährlich) ist es genau das Gegenteil des Status Quo. Für einen Monat bezahle ich als Studentin so viel, wie anderswo in der Stadt pro Eintritt. Außerdem waren nur Leute die tatsächlich schwimmen können vor Ort – ein Traum!
Auch mein Fahrrad stammt von meiner alles bedenkenden neuen Alma Mater. Möchte man sein Fahrrad irgendwo auf dem relativ weitläufigen Campus der National Taiwan University abstellen, muss man sich registrieren und einen Sticker mit Identifikationsnummer – also eine Art Fahrrad-Nummernschild – an seinem Rad anbringen. Tut man das nicht, wird es abgeschleppt. Das passiert wohl relativ häufig und so kommt die Uni jedes Semester zu einer ansehnlichen Sammlung an Fahrrädern, die sie einmal pro Semester an ihre Studenten (zurück-)verkauft. Da sie netterweise nur umgerechnet 8 Euro pro Rad verlangt, ist der Andrang entsprechend groß. Zum Glück hatte eine Mitarbeiterin meines Sprachzentrum uns über diese Umstände informiert, so dass ich am Dienstagmorgen, an dem der Beginn des Verkaufs für 8 Uhr angesetzt war, schon um viertel nach fünf Uhr morgens vor Ort war. Da wir später Nummern ziehen mussten, weiß ich, dass genau 69 Leute vor mir in der Schlange standen – angeblich haben einige sogar dort übernachtet. Spätaufsteher, die nach sechs kamen, bekamen kein Rad mehr. Nachdem wir um 7.30 Uhr besagte Nummern ziehen durften, wurden wir dann ab 8 Uhr der Reihe nach in Zehnergruppen in die Halle mit den Rädern gelassen und durften uns eines aussuchen. Das unieigene Reparaturteam stand danach draußen bereit für Anpassungen aller Art.
Seitdem habe ich also ein Rad – selbstverständlich ohne Schnickschnack wie Gangschaltung oder Licht und mit viel Rost dekoriert, aber es fährt und - gerade in Taipeis Verkehr nicht unerheblich - es bremst!
Ich vergrabe mich jedoch nicht in meinem Klein-Europa, sondern suche gleichzeitig auch nach der wahren taiwanesischen Kultur. Soll heißen: Am Mittwoch hat mein Karaoke-Kurs begonnen! Der Kurs wurde auf Wunsch von Studenten eingerichtet und wird von der Leiterin meines Sprachprogramms höchstpersönlich durchgeführt – dementsprechend gründlich gehen wir das Ganze an… Das Singen macht also nicht nur sehr viel Spaß, sondern bringt auch für unser aller Chinesisch einiges, da sich Lehrerin Fan die unglaubliche Mühe gemacht hat, alle Vokabeln aufzulisten und zu übersetzen. Taiwanesische Popsongs sind zudem praktischerweise ähnlich einfach und einprägsam gestrickt wie überall auf der Welt – und dazu noch voll mit allerlei nützlichem Jugendslang
Wir haben uns drei sehr verschiedene Lieder aus der breiten Zeitspanne 1937 – 2008 vorgenommen. Ein Beispiel: ein Song mit dem international übertragbaren Titel Ich bin wieder zum ersten Mal verliebt von der in ganz Asien ziemlich angesagten Gruppe Wuyuetian (Mayday), von diesem habe ich unter anderem gelernt auf Chinesisch Ist mir doch egal zu sagen.
Aber auch die klassische chinesische Kultur kommt nicht zu kurz: Gestern hatte ich
zum zweiten Mal meinen Kalligraphie-Kurs. Unser Lehrer bringt jahrzehntelange Erfahrung in dieser Kunst mit, wenn die Zeit ausreichte, könnten wir glaube ich ziemlich viel von ihm lernen. Mir gefällt der Kurs bisher sehr gut, das Pinseln hat etwas sehr meditatives.
Nachdem wir letzte Woche nur aus dem Zuschauen lernen durften, haben wir gestern zum ersten Mal selber einen Pinsel in die Hand bekommen. Die erste Stunde haben wir geübt, einen Punkt zu malen. Die zweite Stunde haben wir damit verbracht, uns an einem Strich zu versuchen. Als Zuckerl durften wir uns schließlich in den letzten paar Minuten an ein ganzes Schriftzeichen wagen: das Zeichen für yong = ewig...

Auf dem Bild schreibt unser Lehrer gerade meinen Namen
Am Rande: Taiwan wird gerne als
Asien fuer Einsteiger gehandelt. Nach meinen ersten vier Wochen hier koennte ich wohl Taipei analog als
Taiwan fuer Einsteiger bezeichnen... Nicht nur gibt es an jeder Ecke Maidanlau und Schibake (Na? Wer weiss es? Richtig, MacDonalds und Starbucks) sondern man bekommt hier auch von Bagels ueber Pizza bis hin zu diversen Milchprodukten fast alles - im Gegensatz zu Tainan (wo ich letztes Mal war) oder noch kleineren Staedten. Restaurants aller Herren Laender (siehe Schwarzwald) sind ueber die Stadt verstreut.