Ich bin noch keine 5 Wochen hier an der Uni, in mancherlei Hinsicht kommt es mir jedoch vor wie eine Ewigkeit. Nicht nur aber auch in sprachlicher. Als ich ankam, konnte ich allerlei für das Alltagsleben unentbehrliche Sätze von mir geben, wie z.B. Ich möchte gerne einen grünen Eistee mit Stärkebobbeln, Milch und wenig Zucker drin haben. Inzwischen kommen mir jedoch Begriffe wie kapitalistisches Wirtschaftssystem (zibenzhuyi jingji zhidu
locker über die Lippen und ich unterhalte mich im Unterricht (nicht ganz so fließend aber immerhin) über die Währungspolitik der chinesischen Regierung während des Widerstandskriegs gegen Japan 1937-45. Mir schwindelt selbst ein wenig bei dem Gedanken.
Mein Sprachprogramm ist wie es scheint nicht nur das intensivste, sondern gleichzeitig das akademische unter den Sprachlehrprogrammen in Taiwan… und trotz allen Wehklagens meinerseits bin ich immer noch der Meinung, die richtige Wahl getroffen zu haben. Dank Gesprächen mit Leuten die entweder gerade anderswo eingeschrieben sind oder mit solchen, die es waren und die nun meine Mitstudenten sind, baut sich so langsam ein Erasmus-liches Bild der anderen Uni-Programme in meiner Vorstellung auf. Hat natürlich auch was für sich, zugegeben, aber ich habe nun mal nur dieses eine Jahr um mein persönliches Ziel zu erreichen: ein normales chinesisches Buch lesen zu können. So. Jetzt habe ich es schriftlich. Mal schauen, was ich in 11 Monaten dazu zu sagen habe…
Um das Stubenhockerbild von mir und meinen Mitstreitern wenigstens ein wenig abzumildern, erwähne ich an dieser Stelle, dass am Samstag der erste Ausflug meines Sprachprogramms in diesem Quartal stattgefunden hat. Mit ca. 25 Leuten (der Rest wollte lieber Lernen / Schlafen / nicht auch noch am Wochenende mit uns rumhängen) sind wir nach Yingge gefahren, einem Städtchen am Rande Taipeis, das vor allem für sein Porzellan bekannt ist. Vormittags durften wir uns alle ein, zwei Stunden lang an der Drehscheibe versuchen und jeder durfte eine Vase oder Schüssel oder… töpfern. Obwohl ich drei Anläufe brauchte bis meine Müslischüssel ungefähr so aussah, wie ich es wollte, hat mir das unglaublichen Spaß gemacht. Nach einem bankettartigen Mittagessen haben wir einen reich verzierten Tempel in einem anderen Ort (Sanxia) besucht. Von der Führung habe ich leider nur die Hälfte verstanden – was aber hängen geblieben ist: der Tempel wurde zu einer Zeit, als das Konzept des Recyclings gerade in Taiwan angekommen war, gebaut. Aus diesem Grund ist ein Teil des Dachs mit grünem Glasmosaik geschmückt: ehemals Flaschen der Marke Taiwan Beer.

So bald ich Zeit finde, um die Fotoalbumsfunktion in den Blog einzubauen, werde ich euch mehr Bilder zeigen, da der Tempel wirklich sehenswert ist.
Am Sonntag hatte ich dann solche Entzugserscheinungen, dass ich mittags schnurstracks in die Uni gefahren bin. Na gut – ich habe auch Geld dafür bekommen. Mein Sprachlehrzentrum bildet nämlich auch Chinesischlehrer aus und hat für einen Lehrgang Versuchskaninchen bzw. –studenten gesucht. Man hatte uns vorab gesagt, es sei eigentlich wie normaler Unterricht, außer dass es eben Sonntag sei und wir dafür bezahlt würden anstatt dafür zu zahlen. Was uns allerdings niemand gesagt hatte, war dass der „normale“ Unterricht mit Mikrofon stattfand. Weil nämlich um die 50 angehende Chinesischlehrer zusahen. Wir saßen zu dritt vorne und mussten einen Text vorlesen und Fragen dazu beantworten. Zwischendrin gab es immer wieder kurze Pausen, in denen erstens unsere Lehrerin wechselte (es waren nur zwei Männer im Raum) und zweitens über das gerade Geschehene gesprochen wurde. Sowohl über das Vorgehen der jeweiligen Lehrerin als auch über uns, also z.B. Die Deutsche auf der rechten Seite, Fräulein Pan, hat jetzt noch dieses oder jenes Problem mit dem Chinesischen obwohl sie schon zwei Jahre lang Unterricht hatte weil sie nicht durchgängig gelernt hat sondern immer wieder Unterbrechungen zwischendrin hatte.
Dieses Wochenende fahre ich mal wieder nach Tainan - weil nämlich meine kleine ehemalige Gastschwester Kim 18 (!) Jahre alt wird und mich zur Familienfeier eingeladen hat. Da gehe ich natürlich sehr gerne hin - auch wenn mir dadurch die Halloweenpartys meiner Mitstudenten entgehen werden... und auch wenn ich es absolut nicht fassen kann, dass sie schon so groß sein soll...Kim...18...unglaublich.
Ansonsten habe ich links in die Shoutbox meine Ferienzeiten gepostet - an alle potentiellen Besucher gerichtet 
Liebe Grüße in die Welt hinaus!
Kerstin
Am Rande: Manchmal vergesse ich, wie kurz die Moderne im westlichen Sinn erst in Taiwan angekommen ist. So bewirbt sich ein Hersteller der chinesischen Version eines Zwiebelkuchens auf dem Nachtmarkt bei mir um die Ecke als Traditionsunternehmen:
