Halbzeit! …meines ersten Quartals im ICLP (so heißt mein Sprachprogramm). Zeit also für ein kleines Statusupdate:
Halbzeit, das heißt hier Midterms – also Prüfungen. Heute habe ich die letzte von vier derselben diese Woche hinter mich gebracht – puh!! Was für eine Woche…
Anekdote zur Illustration: Letzten Donnerstag (der als Beispiel für alle anderen Tage stehen soll) entschuldigte ich mich vor dem Unterricht bei meinem Nebensitzer, weil ich etwas langsam auf eine Frage seinerseits reagiert hatte. „Sorry, ich bin heute um halb sechs aufgestanden, um meine Hausaufgaben fertig zu machen.“ Er: „Denk dir nichts dabei. Ich bin auch nur halb anwesend – ich bin um vier aufgestanden.“
Der Lohn für die ganz Mühe: Erlebe zur Zeit einen riesigen Vokabelspurt. Nachdem das Soziologiekapitel (Feudalismus, das altchinesische Clansystem etc.) und das Linguistikkapitel (Was ist Sprache an sich und was ist das Chinesische im Besonderen?) schon länger abgeschlossen sind, haben wir nun letzte Woche das Wirtschaftskapitel beendet (ich kann jetzt Wörter auf Chinesisch, deren deutsche Entsprechung ich nicht kenne) und stecken mitten im Politikkapitel (also Makesi, Lienin und co. Könnt ihr euch sicher erschließen was bzw. eher wer das ist, oder?). Was wir wohl in der zweiten Hälfte des Quartals machen werden??
Gott sei Dank gibt es trotz allem aber auch ein Leben nach bzw. neben dem Lernen : )
Vorletztes Wochenende war ich wie angekündigt in Tainan, um den 18. Geburtstag meiner nicht mehr ganz so kleinen Gastschwester Kim zu feiern. Dummerweise nur ist die Party von Samstagabend auf Sonntagabend verschoben worden, was ich erst nach meiner Ankunft in Tainan am Samstag erfahren habe. Musste also leider schon vor der eigentlichen Party abreisen, da ich noch knapp 5 Stunden Busfahrt nach Taipei zu bewältigen hatte. Es war zwar trotzdem ein sehr schönes Wochenende, aber berichten werde ich an dieser Stelle nur, dass ich dort war...
Am Sonntag war ich mit einigen meiner Kommilitonen wandern – richtig wandern, nicht taiwanesisch spazieren. Es war eine offizielle Wanderung des ICLP und für einige von uns inklusive mir Halbpflicht-Programm… Wie das? An Thanksgiving (danke, liebe amerikanische Mehrheit unter den Studenten!) bekommen wir eine Woche „frei“ – wir müssen nicht in den Unterricht, aber an mindestens zwei Language Missions teilnehmen – auf Deutsch: Ausflügen. Einer dieser Ausflüge ist eine dreitägige Bergwanderung, auf die ich mich schon unglaublich freue. Weil aber die Taiwanesen gerne überbesorgt sind, müssen wir gut auf diese drei Tage vorbereitet werden. Wir haben schon eine einstündige Einführung, eine sehr ausführliche Packliste und die Anweisung, regelmäßig joggen zu gehen bekommen. Weil das aber alles noch nicht reicht, haben einige Lehrer für das letzte und das kommende Wochenende Pflicht-Trainingswanderungen vorbereitet. Bei der letzten sollten wir zur Übung mindestens 5kg an Büchern zur Übung mitnehmen… Gottseidank war ich nicht folgsam: Die von den Lehrern vorbereitete Strecke ging ca. 3-4 Stunden bei strahlendem Sonnenschein bergauf – da wir dann nicht den vorbereiteten Weg von einer Stunde zurück gegangen sind sondern einen anderen, der nocheinmal ca. 4 Stunden, zum Teil weiter bergauf, zu einem anderen Bahnhof führte, hätte ich die Bücher sicher früher oder später zum Teufel gewünscht oder direkt ins Meer geschmissen, hätte ich sie denn mitgenommen. So viel zum Jammern. Ansonsten: Was für eine herrliche Strecke!!! Was für ein unglaublich schöner, trotz oder wegen aller Anstrengung unglaublich erholsamer Tag! Der erste Teil der Wanderung war früher eine bedeutende Verbindung zwischen Taipei und einem anderen Gebiet Nordtaiwans (Yilan). Die armen Leute damals, denen keine andere Straße zur Verfügung stand! Dieser Caoling Historic Trail gehört heute zu den bekanntesten Wanderrouten Taiwans und war dementsprechend völlig überlaufen – der Feldberggipfel an einem sonnigen Augustwochenende ist nichts dagegen. Omas, Opas, Kleinkinder, Hunde – eine endlose Schlange an Menschen und Sonnenschirmen wand sich den Berg hinauf. Dafür war der zweite, ungeplante Teil so gut wie menschenleer. Schön waren allerdings beide Strecken: Sanfte grüne Hügel mit Palmen und Wasserbüffeln, Felsen und Klippen und das Meer zu unseren Füßen. Gegen Nachmittag kam Nebel auf, so dass wir über den Wolken zu schweben schienen. Abends haben wir unserer Erschöpfung beim Essen auf einem kleinen Fischmarkt freien Lauf lassen können, bevor es dann mit dem Zug zurück nach Taipei ging.

Liebe Grüße aus dem Regen Taipeis,
Kerstin
Am Rande: Dasjenige meiner Lehrbücher, das oben erwähnt wird, ist 1959 geschrieben worden. Es ist eine spannende historische Quelle, gerade das aktuelle Politikkapitel. Zu der Zeit nämlich war das, was heute mehr oder weniger offiziell die taiwanesische Regierung ist, die Regierung Chinas im vorläufigen Exil auf Taiwan. Nun hat das mit dem schnellen Wiedervertreiben der Kommunisten auf dem Festland offensichtlich bisher nicht geklappt und bekanntlich hält ja nichts länger als ein Provisorium – anscheinend auch in politischen Sphären. Die damaligen deutlichen Worte unterscheiden sich sehr von den heutigen, diplomatisch verschleierten...