Mit Schmerzen im ganzen Körper sitze ich an meinem Laptop im fernen Taipei um euch von einer Expedition in den Schwarzwald zu berichten. Den Schwarzwald? Natürlich nicht derjenige mit den Bollenhüten, sondern der laut unserem Bergführer zweitgrößte Schwarzwald der Welt (wo der Größte sei, wisse er leider nicht). Bergführer? Mitten im Schwarzwald liegt der Schneeberg (Xue Shan), der zweithöchste Berg Taiwans, den ich diese Woche zusammen mit 21 mutigen Mitstudenten bestiegen habe. Auch wenn diese Gruppengröße sehr taiwanesisch ist, war es der Berg nicht. Zumindest nicht unserem Bild Taiwans entsprechend. Ich sehe uns Anfang des Semesters um das schwarze Brett herumstehen, auf dem dieser Ausflug ausgeschrieben war:
Pfffft – Wandern, was? Bei den Taiwanesen heißt das doch, eine Stunde spazieren zu gehen – Bergsteigen, dass ich nicht lache. So klein und niedlich wie Taiwan ist, kann man das überhaupt Berg nennen?? usw. Als unsere Lehrer uns sagten, wir sollten mindestens 3 mal die Woche joggen, um uns vorzubereiten, konnten wir das nicht wirklich ernst nehmen.
Inzwischen weiß jedoch nicht nur ich, sondern auch jene Kommilitonen, dass Taiwan für einen Inselstaat, der gerade mal so groß wie Baden-Württemberg ist, eine ziemlich beeindruckende Berglandschaft hat. Der Schneeberg ist mit seinen 3886 Metern immerhin noch fast 1000 Meter höher als die Zugspitze.
Schlauer wäre ich sicher gewesen, hätte ich meinen Reiseführer VOR der Wanderung konsultiert. Der schreibt nämlich: „
Ein Aufstieg zum XueShan ist außerordentlich empfehlenswert, bietet ein großartiges Panorama und verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten, sondern lediglich die Kondition eines Büffels.“
Wie ein solcher habe ich mich - nicht nur geruchstechnisch - nach den 3 Tagen dann auch gefühlt. Am ersten Tag hatten wir nach knapp 5 Stunden Busfahrt nur einen ca. 2-stündigen Aufstieg zu bewältigen. Dieser war allerdings schon ziemlich steil, weshalb wir auch ziemlich froh waren, unser Ziel - eine Hütte - zu erblicken. Die Hütte war eine einfache Holzhütte ohne Strom und mit 120er Schlafsaal, in dem jedem einzelnen auf der hölzernen Liegefläche höchstens die Breite einer Isomatte (wenn man denn eine gehabt hätte) zugestanden wurde. Der Kuschelfaktor war allerdings angesichts der nächtlichen Temperaturen eher angenehm. Immerhin hatte die erste Hütte im Gegensatz zur zweiten noch fließend Wasser. Nach einem wirklich leckeren Abendessen, gekocht von unserem Bergführer, ein wenig Versteckspielen im dunkeln Wald und viel Sternegucken ging es gegen halb neun ins Bett.

Am zweiten Tag hatten wir dann schon um 1 Uhr mittags den Gipfel erreicht. Klingt locker? Mitnichten.
Nach einer schlaflosen Nacht wurden wir um 3 Uhr morgens „geweckt“, damit wir nach einer Stärkung aus Reisbrei mit Algen, Trockenobst und Schweinefett pünktlich um 4 loslaufen konnten. Stetig und steil bergauf. Zum Teil so steil, dass die Hände zur Hilfe genommen werden mussten. Dort wo Stufen waren, befanden sie sich des Öfteren auf Kniehöhe. Gegen 9 Uhr morgens kamen wir an einer weiteren Hütte an, in der wir die zweite Nacht verbringen würden. Vier Kommilitonen fielen sofort völlig erschöpft in den Schlafsack und ließen sich den Gipfel entgehen. Als der tapfere Rest von uns gegen ein Uhr am Mittag oben auf dem Gipfel ankam, war daher nicht nur ich so ziemlich am Ende meiner Kräfte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas schaffen könnte… Oben auf dem Gipfel schlief der Großteil der Gruppe auch erstmal ein. Dabei mussten wir ja auch noch zurück… Auf dem Rückweg merkte ich, dass der Weg nach oben wohl doch nicht nur bergauf geführt hatte – erstaunlich oft mussten wir auch auf dem Abstieg bergauf steigen. Und auch das bergab Laufen / Klettern / Rutschen kostet mehr Kraft, als man denken mag. Gegen 6 Uhr abends waren wir endlich wieder an der Hütte angekommen. Nach einem sehr guten und traditionellen Essen (inklusive Hai – und das auf dem Berg!) ging es dann für die allermeisten direkt ins Bett – aufgrund von Erschöpfung aber auch von Kälte – nach Sonnenuntergang fiel das Thermometer sehr schnell der Nullgradgrenze entgegen.
Am dritten Tag durften wir bis fünf schlafen – zumindest wenn man denn so richtig hätte schlafen können. Neben der Kälte und Härte der Unterlage waren auch die taiwanesischen Hüttengenossen schlafverhindernd- mehrmals in der Nacht wurde laut rufend nach Wandergenossen gesucht. Führte das zu keinem Ziel, wurde einfach so vielen Schalfenden mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, bis die Gesuchten gefunden waren... Nach dem Aufstehen stand nur noch der Abstieg bevor – der allerdings auch noch 4,5 Stunden dauerte und mich meine allerletzten Kraftreserven kostete. Und mich meine eigene Verdrängungskraft bewundern ließ - ich hatte die Hälfte des Aufstiegs nämlich schon wieder vergessen.
Warum tut man sich so etwas, auch noch halbfreiwillig, an? Trotz oder gerade wegen allem war es wunderschön! Wir haben weit über tausend Höhenmeter zurückgelegt und dementsprechend divers war auch die Landschaft. Und, auch wenn es ein Klischeewort ist, atemberaubend. Als wir beispielsweise am zweiten Tag um vier Uhr losliefen, war es noch stockfinster. Mit Taschenlampen ausgerüstet kletterten wir einen hexenwaldtauglichen Pfad empor. Als sich die Bäume lichteten, sahen wir hinunter auf ein wogendes Meer erleuchteter Wolken, darüber ein strahlend heller großer Wagen umgeben von anderen vertrauten Himmelsbildern.
Der langsame Sonnenaufgang hinter den Bergen und über den Wolken ließ alle Mühen vergessen. Auch der Weg zum Gipfel war mehr als motivierend: kräftiger Sonnenschein, blaue Berge jenseits der Baumgrenze, Wolkenwellen im Tal, helle Felsen, vereinzelte herbstlich rote Pflanzen.

Auf dem Rückweg habe ich mit ein paar anderen ca. 1 Stunde von Taipei entfernt den Reisebus verlassen – um in einem Ort auszusteigen, der für seine heißen Quellen berühmt ist.
Mehrere Stunden ließen wir Schwefel-, Kohle- und Lavendelbäder unsere Muskeln erwärmen, Wasserfälle unsere geschundenen Rücken massieren und chinesische Medizin über unsere Poren eintreten. Wir befreiten unsere Sinne im mentholgesättigten Schönheits-Dampfraum und ließen kleine Fische unsere tote Haut abknibbeln. Letzteres war zwar nur eine bedingt gute Idee, da die Fischchen scheinbar besonders gerne verletzte Haut mögen, von der wir an unseren Füßen und Knöcheln mehr als genug hatten (Ich sage nur: AUA!) – insgesamt jedoch war es der perfekte Abschluss des Ausflugs.
Am nächsten Tag versuchte ich weiter auf der Wellnesswelle zu schwimmen und ging mit einer Freundin zur Massage am Straßenrand. Der Masseur wusste was er tat, aber: Ich habe mir das Schreien nicht verkneifen können… Letzendlich habe ich 3 Euro für eine halbe Stunden Schmerz bezahlt. ALLES tat und tut weh. Als er beispielsweise mit seinem ganzen Körpergewicht auf seinem Unterarm meine verhärteten Unterschenkel massierte merkte ich, wie lange ich schon keinen wirklichen Schmerz mehr habe spüren müssen… Sport ist eben doch Mord

Ansonsten geht es mir jedoch gut – die Midterms sind erfolgreich bestanden und nach den Prüfungen habe ich endlich mal Zeit gefunden, um wenigstens ein wenig mehr zu schlafen - und außerdem mal etwas anderes zu machen, als zu lernen. Ich war einmal mit ein paar Leuten tanzen (eine zugleich kuschelige und ausgelassene Schwulenbar mit hohem Wohlfühlfaktor), einmal beim Karaoke (ein Muss in Taiwan, dazu aber ein ander Mal mehr) und mehrmals lecker Essen (was man hier nicht nur relativ preisgünstig sondern sehr vielfältig tun kann).
Ich hoffe, bei euch, wo auch immer ihr euch befinden mögt, ist auch alles in bester Ordnung!
Liebe Grüße,
Kerstin
Am Rande: Gespräch mit einer taiwanesischen Studentin beim Essen, es gab überbackenen Toast: „
Sind wir Chinesen nicht schlau? Wir tun einfach alle Zutaten auf das Brot drauf, dann ist das total praktisch zu essen! So esst ihr im Ausland nie Brot, oder?“
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