Geburtstag in der Ferne zu haben ist jedes Mal etwas seltsam. Auch Geburtstag in Taiwan stellt da wenig überraschend keine Ausnahme dar. Der diesjährige war ein (pun intended) süßsaures Erlebnis. Am Vorabend war ich von plötzlichem Heimweh befallen, das auch bis zum Geburtstagsmorgen nicht ganz verschwinden wollte. Als ich in der Uni ankam, stellte ich fest, dass sich offenbar niemand meinen Geburtstag gemerkt hatte. Ich hatte das Datum nicht besonders häufig erwähnt, hätte mir aber doch gewünscht, dass es sich der eine oder die andere gemerkt hätte. Ich ging also wie jeden Tag in den Unterricht und suhlte mich währenddessen still und leise ein wenig in meiner gefühlten Einsamkeit. Als ich am späten Vormittag in der Pause in einer Gruppe Leute stand, stellte sich eine amerikanische Mitstudentin neben mich, legte mir den Arm um die Schulter und sagte ganz leise und beiläufig Happy Birthday, Kerstin. Und dann das Gleiche noch mal auf Deutsch. Ich hätte tatsächlich fast geweint, so sehr hat es mich gefreut. Beim Mittagessen benahmen sich einige meiner Mitstudenten etwas seltsam… bzw. waren teilweise verschwunden... da begann ich etwas zu vermuten, oder vielleicht besser: zu hoffen. Nach einem sehr leckeren Picknick-Essen (gebratener Lachs!) in einem Park nahe der Uni tauchte plötzlich hinter Rebekah eine Schwarzwälderkirschtorte mit brennenden Kerzen darauf auf (wie sie es geschafft hat, die in meiner Anwesenheit anzuzünden, ohne dass ich es gemerkt habe, ist mir ein Rätsel). Surprise! Ich bin also nicht vergessen, sondern nur ein bisschen geärgert worden. Und die Torte aus dem angeblich bestem Laden der Stadt war wirklich sehr fein. Dass ich mich riesig gefreut habe, brauche ich wohl kaum zu erwähnen? Der Rest des Tages war weniger spektakulär. Den Nachmittag habe ich an der Uni mit Hausaufgaben verbracht. Ich wäre noch gerne mit Kommilitonen essen gegangen, es wollten aber alle, die noch an der Uni waren, schnell nach Hause. Also bin ich auch nach Hause. Da ich meinen Geburtstagsabend nicht alleine mit Hausaufgaben verbringen wollte, habe ich etwas gemacht, was ich schon längst gemacht haben wollte, wofür ich aber nie die Zeit hatte: meine Wand (im Singular) gestrichen. In kräftigem Rot. Da ich nachdem ich bereits einen Teil gestrichen hatte, beschlossen hatte, noch einen weiteren Teil zu streichen, hat das Ganze sehr viel länger gedauert als erwartet und ich war die halbe Nacht wach – was ich am nächsten Tag im Unterricht bitter bereut habe. Ich höre das typisch sogar bis hier in euren Gedanken widerhallen
Nebenher habe ich immer wieder nach eMails geschaut, weil ich auf Glückwünsche aus der Ferne spekuliert habe. Da mir die meisten meiner Freunde allerdings sehr ähnlich sind was zeitweise Verplantheit angeht, kam an meinem Geburtstag selber sehr wenig Post. Auch wenn mich das an dem Abend betrübt hat, habe ich mich in den darauffolgenden Tagen umso mehr über Nachrichten gefreut! An dieser Stelle einen lieben Gruß und ein Dankeschön an alle – ich werde mich nach und nach bei allen persönlich melden. Ganz besonderen Dank an die Adventskalenderversender!

Um den eher ruhigen Geburtstag zu kompensieren, habe ich beschlossen, das Wochenende ordentlich zu nutzen... indem ich das Prinzip Dreisamstraßen-WG-Party in den fernen Osten exportiere. Inklusive Bowle, Baguette und selbstgemachter Knobibutter. Die Vorbereitung war etwas erschwert, da Taipei eben nicht Freiburg ist. Für ordentliches Baguette musste ich weit reisen, für frische Kräuter sehr lange mit der Dame im Hypermarkt diskutieren, für das Luxusgut Dosenpfirsiche ordentlich blechen und auf Sekt in der Bowle sowie exotisches wie z.B. Käsespieße ganz verzichten. Auch das Einladen war gar nicht so einfach – ich kenne inzwischen sehr viele Leute sehr oberflächlich… habe also einfach ein paar (an die 25) Kommilitonen eingeladen. Irgendwo musste ich die Grenze ziehen, da ich ja schlecht alle 80 einladen konnte. Das führte direkt zu beleidigten anderen (Kerstin! Du hast am Wochenende eine Party gefeiert und MICH nicht eingeladen??). Seufz. Es ist hier in vielerlei Hinsicht wie in der Schule…
Die Leute, die ich eingeladen habe waren sehr unterschiedlich, weshalb ich extrem gespannt war auf den Verlauf des Ganzen. Als Erläuterung sollen die Extreme des Spektrums dienen: A., 21, in dem Sinn wohl typisch Chinese American, sagte mir, als ich sie eingeladen habe: Oh, schön! Das wird meine erste Party in Taiwan! Ich: Ja, ist auch meine erste, seit ich hier bin. Sie: Nee, ich meine meine erste. Überhaupt. Also, in meinem Leben.
Anderes Extrem: D., der mehrmals die Woche feiert, bei solchen Gelegenheiten gerne schon angetrunken erscheint und zu meiner Party sein professionelles DJ-Equipment mitgebracht hat um ein bisschen aufzulegen.
Dafür hat es erstaunlich gut funktioniert. Besonders glücklich bin ich immer, wenn es mir gelingt, bei solchen Gelegenheiten Leute zusammenzubringen, die sonst kaum miteinander reden (würden). Dafür, dass so gut wie alle über 20 Jahre alt sind, haben erstaunlich viele einen festen Curfew. Eigentlich alle, die bei Gastfamilien oder mehr oder weniger entfernten Verwandten wohnen, müssen bis 11 oder 12 Uhr zu Hause sein. Auch meine 31-Jährige Kommilitonin. Immer wieder merke ich hier, wie liberal Europa nicht nur im Vergleich zu Taiwan, sondern auch im Vergleich zum amerikanischen mittleren Westen ist. Egal ob es um Uhrzeiten, Alkohol oder Lebensansichten geht. Es sind also jedenfalls ziemlich viele ziemlich früh gegangen – ein harter Kern blieb allerdings und fing schließlich das Tanzen an - die Letzte fuhr morgens um 6 mit der ersten U-Bahn. Das Experiment kann also als gelungen angesehen werden.
Seltsamer Moment, irgendwann zwischen Samstag und Sonntag: Ich tanze mit einer Gruppe Amerikaner mitten in Taipei zu Krawall und Remmidemmi – das ist wohl Globalisierung?
Was in Freiburg nie passiert wäre: es war ziemlich viel Bowle übrig. Und Bier.
Kerstin
PS Am Wochenende fahre ich nach Taizhong. Zu einer Hochzeit. Wer heiratet? Ich habe keine Ahnung… Irgendeine entfernte Bekannte der Mutter meiner Sprachaustauschpartnerin (welche ich selbst erst seit ca. 3 Wochen kenne) – aber das reicht schon, um mitzudürfen. Ich bin gespannt!
Am Rande: In Taipei gibt es alles… und nichts. Man muss nur wissen, wo man suchen muss… genau das ist aber auch das Problem. Immerhin – ich habe für Thanksgiving hier ein Mousse au Chocolat gemacht – mit Schlagsahne und Rittersport. Wenn ich daran denke, wie lange ich für diese Zutaten in Tainan suchen musste! Manchmal stößt man hier an unerwarteten Orten auf Dinge: wenn einem z.B. der fliegende (was nicht nur eine phonetische sondern in diesem Fall auch semantische Nähe zu fliehende aufweist) Händler auf dem Nachtmarkt zwischen Fischbällchen und Hühnerblut plötzlich dunkle Lindtschokolade anbietet und das auch noch zum Sonderpreis… Manchmal wird man aber auch getäuscht. So gibt es hier zwar Lays Chips in grüner Verpackung wie man sie kennt… der zweite Blick zeigt allerdings: nicht meine geliebten sour cream and onion Chips, sondern seaweed sushi. Hmpf.