Viertelzeit! Mein zweites von vier Quartalen hat am Montag begonnen. Die nächsten drei Monate werde ich mich nun mit „
Gesellschaft und Gedanken“, „
Nachrichten und Ansichten“ und „
Grundlagen des klassischen Chinesisch“ beschäftigen. Puh. Nach der ersten Woche muss ich feststellen: der Arbeitsaufwand hat eher noch zu- als abgenommen. Dafür wird es sprachlich immer spannender.
Zum Ausgleich hatte ich ein ruhiges, wenn auch arbeitsreiches Wochenende. Ausnahmsweise möchte ich das mal etwas genauer beschreiben:
Am Freitagabend war ich in einem traditionsreichen Teehaus, um einer Diskussion über Paul Celan zu lauschen. Beiling, der Schriftsteller aus den heißen Quellen, ihr erinnert euch vielleicht, hatte mich dazu eingeladen. Gesprochen haben er und ein deutscher Philosoph, der seit Jahren in Taipei forscht und lehrt. Das Teehaus wurde vor bald 100 Jahren unter der japanischen Besatzung Taiwans gebaut, seitdem dient es laut Web als Treffpunkt für Gelehrte, Künstler und politisch Andersdenkende. Man sagt, die Demokratisierung Taiwans sei hier ausgehandelt worden. An diesem Abend allerdings war Politik nur am Rande Thema. Stattdessen schien der ganze Abend weder in einer bestimmten Zeit noch einem bestimmten Raum verwurzelt. Das Teehaus bildet inmitten eines der lebendigsten Viertel Taipeis eine stille Oase. Der Raum in dem die Veranstaltung stattfand, in japanisch schlichter Eleganz eingerichtet, war in sanftes Licht getaucht, an den Wänden Kalligraphien und Tuschezeichnungen. Mit ca. 30 Taiwanesen saß ich im Schneidersitz auf japanischen Tatami-Matten und verfolgte die chinesische Diskussion über den deutschsprachigen Dichter, hörte Celan dank moderner Technik selbst einige seiner Gedichte lesen. Obwohl das Gespräch über drei Stunden dauerte, waren die Zuhörer sehr konzentriert. Neben der Stimme der Vortragenden hörte man nur das leise Klappern der Glasdeckel auf den Kannen vor sich hinköchelndem Pu-Erh-Tees, den das Teehaus allen Zuhörern spendiert hatte. Vorne saßen an einem niedrigen Tischchen die beiden Vortragenden, über ihnen ein runder weißer Lampion, sanft schaukelnd im Dampf des Tees. Beiling, ganz vergeistigter Schriftsteller: unauffällige, dunkle und schlabberige Kleidung, lange gewellte Haare, Nickelbrille mit kleinen, runden Gläsern. Er saß entspannt auf den Matten, die Ellbogen auf die Knie gestützt. He Fabi neben ihm saß dagegen kerzengerade und meditativ unbeweglich im Schneidersitz. Seine blonden Haare waren zu einem Knoten ganz oben auf seinem Kopf geschlungen, sein Körper in ein weites schwarzes Gewand gehüllt. Es hätte mich nicht überrascht, hinter seinem breiten Rücken das Metall einer Schwertscheide aufblinken zu sehen. Sie sprachen über Celan, über Adorno. Sie berührten Rilke (Li-er-ke), Derrida und, natürlich, Marx. Es ging darum, was Kunst ist. Wie diese mit Gesellschaft und Kultur im Allgemeinen zusammenhängt. Ob sie sich übersetzen lässt, sprachlich wie kulturell. Im Speziellen darum, ob Celan ins Chinesische übersetzbar ist. Ob die durch den zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung geprägte „deutsche Seele“ und damit poetische Ausdruckstiefe mit der chinesischen verwandt sei. Was Sprache ist. Wie sie mit Kultur zusammenhängt. Angerissen wurde vieles - von der Stasi über die Makel der von China genutzten vereinfachten chinesischen Schriftzeichen bis zu den jeweiligen Vorteilen von Kapitalismus und Kommunismus. Sehr spannend also – leider allerdings aber auch eine Diskussion auf sehr hohem nicht nur theoretischen sondern vor allem auch sprachlichem Niveau. Auch der deutsche Philosoph sprach entgegen meiner Hoffnungen ein ausgezeichnetes Chinesisch, so dass ich insgesamt höchstens die Hälfte mitbekommen habe. Trotzdem ein sehr anregender Abend und vor allem ein Ansporn, weiter zu lernen.
Am Samstag bin ich nach mehreren Stunden Sprachaustausch sowie Deutschunterricht (ich bin, eher aus Versehen, Nachhilfelehrerin geworden) mit zwei Kommilitonen in das Bergdorf / den Kurort
Wulai („Krähen kommen“) gefahren. Dort haben wir uns an der frischen Luft in heißen Quellen eingeweicht und alle Anspannung abgewaschen. Zurück in Taipei haben wir den Abend gemütlich mit einem Cider in der lauen Abendluft ausklingen lassen (nachdem der eine Kommilitone sich im Übrigen auf dem Weg dorthin mal eben ein neues Ohrloch hat stechen lassen). Heute saß ich bei gut 20 Grad und strahlend blauem Himmel draußen auf der Veranda eines Cafés und habe bei Milchtee und "
Deutschland leichter Käse und Keks Kuchen" in Ruhe meine Hausaufgaben gemacht.
Bevor jetzt Neid aus dem verschneiten Deutschland aufkommt: das Wetter hier haben wir uns redlich verdient! Seit Wochen schon habe ich den Himmel nicht mehr sehen können – und so gefroren wie hier habe ich bisher in meinem ganzen Leben noch nicht. Nicht einmal im schneereichen, 6 Monate andauernden kanadischen Winter. Auch wenn das Thermometer bisher nicht unter 10 Grad gefallen ist, friere ich ständig. Das liegt nicht (nur) an etwaiger Verweichlichung meinerseits, sondern daran, dass die Luftfeuchtigkeit dank Dauernieselregen sehr hoch ist. Und daran, dass die Häuser hier zwar alle Klimaanlage, aber keine Heizung haben. Zu Hause kann ich mich noch in diverse Decken wickeln, in der Uni aber bleibt mir nicht viel, als trotz drei Pullovern bibbernd im Unterricht und der Bibliothek zu sitzen. Wer hätte gedacht, dass Taipei in einer völlig anderen Klimazone als Tainan liegt, obwohl die beiden Städte nur 300 km voneinander entfernt sind? Als Florian und ich vor Sylvester aus dem Dauerregen Taipeis (über Umwege) nach Tainan kamen, erwärmten kräftige Sonnenstrahlen unsere durchgefrorenen Körper und man erzählte uns von einer bereits drei Monate andauernden Dürreperiode. DAS ist das Taiwan, an das ich mich erinnere…
Florian ist im Übrigen für diejenigen, die es noch nicht auf anderen Kanälen mitbekommen haben, gesund und ich glaube auch einigermaßen munter zu Hause angekommen – nachdem sein Flugzeug aufgrund von Schneestürmen in Peking den Flughafen in Taipei mit über 6 Stunden Verspätung verlassen hat, ist der Rest der Reise glatt gegangen. Selbst sein Gepäck ist, im Gegensatz zum Hinflug, angekommen. Ich trauere derweilen unserem gemeinsamen Urlaub nach – der Unialltag kann da einfach nicht mithalten.
Liebe Grüße an alle!
Kerstin
PS: An dieser Stelle ganz besonders viele Grüße an meinen lieben Vater!!! Und: 早日康復!
Am Rande: Es lebe die musikalische Globalisierung! Anstelle der ansonsten allgegenwärtigen Ohrwürmer amerikanischer (vor allem Lady Gaga) oder koreanischer (Superjunior und co., ihr wisst Bescheid) Stars schallten mir heute aus einem trendigen Klamottenladen folgende Zeilen entgegen:
summ summ summ, summ summ summ, summel summel summ, sieben Hummeln kleine Hummeln, fahren Schlitten geben Gas, kriegen rote Schnupfennasen, bei dem kalten Winterspaß, hatschi… Darauf musste ich dem Laden natürlich eine Besuch abstatten. Auf Nachfrage erzählte mir die Verkäuferin, das sei der Soundtrack zu einem ganz tollem Film mit einem kleinen Krokodil, den die Chefin laufen lasse, weil durch die Musik alle glücklich würden.
Schni- Schna- Schnappi…