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Dienstag, 23. Februar 2010
Während ich das hier schreibe, sitze ich in meinem kleinen Zimmer in den Subtropen und trage unter anderem zwei Paar Wollsocken, einen Schal, zwei Pullover, eine wattierte Jacke und eine Steppdecke. Pünktlich zum Ferienbeginn vor einer Woche sind die Temperaturen hier auf Dezemberniveau zurück gefallen und Petrus hat alles, was er an Wolken und Wasser aufbieten kann, gerecht über der ganzen Insel verteilt.
Trotzdem habe ich eine sehr schöne, erholsame und vor allem abwechslungsreiche Woche verbracht. Nach einer ausgedehnten Geburtstags- und Juchuh-wir-haben-endlich-frei-Party mit vielen Mitlernern bzw. Mitleidenden am Freitag Abend bin ich Samstag früh mit dem Fernbus in den Süden Taiwans gefahren um dort das Neujahrsfest mit meiner Gastfamilie zu feiern. Wie auch bei uns werden die Feiertage in Taiwan vor allem mit Essen, Geschenken und Fernsehen verbracht – und mit Zocken. Zocken? Neben den allgegenwärtigen Computerspielen werden hier zum Neujahrsfest (und in den meisten Familien ausschließlich zu dieser Zeit) die Mahjongspielsteine herausgeholt – und die Geschenke gleich dazu. An Geschenken wechseln hier zum Neujahr nämlich weder Socken noch Krawatten den Besitzer, sondern ausschließlich rote Umschläge. Diese enthalten Geldscheine, die beim Mahjongspielen sehr nützlich sind, denn gespielt wird um Geld – und mit Pfennigbeträgen fängt man selbsverständlich gar nicht erst an. Wer im Übrigen wem wann einen solchen roten Umschlag zu schenken hat und welche Anzahl an Scheinen darin enthalten sein darf oder muss (Zahlen können schließlich sehr viel Glück oder eben auch Pech mit sich bringen) ist ein Forschungsgebiet für sich. Selbst wenn ich das System völlig durchschaut hätte, würde das Erläutern desselben den Rahmen dieses Blogs wohl sprengen. Statt langer Erklärungen lieber eine kurze…
Momentaufnahme: Nach einem ausgedehnten und reichhaltigen chinesischen Fondue (Hotpot) sitzt die Familie am „Sylvester“abend gemeinsam im Wohnzimmer der Großeltern, das vor allem von jahrzehntelanger Sammelbegeisterung geprägt ist. Eine ganze Seite des engen Raums wird vom Familienaltar eingenommen, der an diesem Abend vor lauter Opfergaben noch bunter ist als sonst. Der Geruch von Essen und Weihrauch dringt in jeden Winkel. Auf dem großen Flachbildfernseher tanzt und singt Lady Gaga, halbnackt. Oma, Mutter und zwei der Enkel spielen Mahjong, so einiges an Geld wechselt zum zweiten Mal an diesem Abend den Besitzer. Die Schreie der Spieler werden zunehmend spitzer. Ein anderer Enkel spielt am Computer neben dem Fernseher Counterstrike, laute Schüsse, Stöhnen und Seufzer weben sich in den Klangteppich ein. Der kleinste, 16-Monate alte, Enkel wankt in einem T-Shirt mit der Aufschrift Baby Doll durch den Raum, er übt mit vor Begeisterung offenem Mund seinen Hüftschwung. Seine Eltern haben ihm ein Handy um den Körper gebunden, das sein momentanes Lieblingslied (ihr ahnt es schon…) Sorry Sorry Sorry in Endlosschleife spielt. Der Rest der Familie sitzt auf Sesseln und dem Boden und versucht, in ihren Gesprächen alles andere zu übertönen. DAS also ist die wahre Bedeutung von renao.
So sehr ich das Neujahrsfest im Kreise meiner Gastfamilie genossen habe – und renao beinhaltet die Konnotation fröhlich und herzerwärmend – so froh war ich dann auch, am Montag Mittag wieder aufzubrechen. Auf der Suche nach ein paar Tagen absolutem Kontrastprogramm zu Taipeis Hektik und Lärm war ich ganz im Südosten Taiwans fündig geworden. Dort fand mitten in der Wildnis eine Art Hippie-Zeltlager im Kleinen statt. Ich hatte einige der Organisatoren zufällig in Taipei kennen gelernt und beschlossen, dass ihr Kreis genau das Richtige war, um meine wenigen freien Tage zu füllen. Zelten im Grünen, nette Leute, das Meer, die Sonne… was kann man sich sonst noch wünschen? Mit letzterer hat es zwar leider nicht so recht geklappt: die Sonne schien im sonst so sonnigen Süden bis zu dem Tag, an dem ich ankam - und ab dem Tag, an dem ich wieder in Taipei war. Der Rest meiner Rechnung ist allerdings aufgegangen. Schwimmen im Pazifik (wenn auch aufgrund stürmischen Wellengangs jeweils mit drei Aufpassern und potentiellen Lebensrettern am Ufer), sehr nette und spannende Menschen (ohne wenn auch) und sogar mehr Wildnis, als ich erwartet hatte. Wir haben inmitten von Bäumen und Gebüsch gezeltet, das von keinen menschlichen, sondern nur von Pfaden halbwilder Wasserbüffel durchzogen war. Mit Macheten und Äxten haben wir uns kleine, von Menschen begehbare Pfade in das dornenbewehrte Gestrüpp geschlagen und unsere Zelte auf einer von Bäumen beschützten und von weichen Kiefernnadeln bedeckten Lichtung unweit vom Meer aufgeschlagen. Taipei war dort unglaublich fern. Die Entfernung von Lärm und Zivilisation hat so einiges an Anreise- und Findemühseligkeit mit sich gebracht, war es aber mehr als wert. Für die geradezu lächerliche Entfernung von 169 km vom Haus meiner Gastfamilie bis zu unserer Lichtung habe ich über 8 Stunden gebraucht. Mit dem Auto, mit diversen Bussen und Taxis und zuletzt bei Nacht zu Fuß durch besagtes Gestrüpp. Auf dem Weg und auf der Suche habe ich sehr viele hilfsbereite Menschen kennen gelernt, zu guter letzt beispielsweise einen sehr galanten Kanadier, der seine ebenfalls zeltenden Freunde lange alleine gelassen hat um sicherzustellen, dass ich auf dem langen Weg durchs dunkle Gestrüpp nicht von einem Wasserbüffel gefressen werde.
Momentaufnahme: Es regnet. Wir sind jedoch vorbereitet und haben eine riesige Plane zwischen ein paar Bäumen aufgespannt. Zu schicksalhaften neun – der nächstgelegene Ort heißt Jiupeng, was so klingt wie neun Freunde auf Chinesisch und fast so geschrieben wird – sitzen wir unter unserer Plane um ein kleines Feuer herum. Unsere Bäuche sind warm von über dem offenen Feuer gekochten Gemüseeintopf und süßem Chrysanthementee. Es wird gegen den Regen angetrommelt, geflötet, Gitarre gespielt und gesungen. Zwischendurch ist Raum für mehr als ein anregendes Gespräch. An diesem Abend haben neun sehr verschiedene Freunde den Weg ins Wasserbüffelland gefunden. Im Alter zwischen Anfang 20 und Anfang 50, kommen sie aus Taiwan, Polen, England, Amerika, einer ist gar auf einem Segelboot aufgewachsen. In der Stadt sind sie Englischlehrer oder Berufshippies, einer ist Tänzer, dem modernen Tanz verschrieben, einer Journalist, einer Soziologie-Doktorand, einer ist Musiker und Kinderliedautor, ein anderer Hochschuldozent und Betelnussspezialist. Hier ist das alles jedoch nicht so wichtig, hier zählt der Rhythmus, den man trommeln kann, die Geschichten, die man erzählen kann. Plötzlich schreit einer, es ist der Tänzer, er springt auf, zieht sich die Hose aus und tanzt in Unterhose um das Feuer. Er schreit irgendetwas von riesigen Insekten, von Kakerlaken. Einer nach dem anderen beginnt zu lachen – der arme Junge, der Jüngste im Kreis, hat wohl zu viel getrunken? Verzweifelt schüttelt der Tänzer seine weite Sporthose. Der Übeltäter kommt nur widerwillig zum Vorschein: es ist nicht der Alkohol, sondern ein handgroßer Krebs der sich vom nahe gelegenen Strand an unser wärmendes Feuer verirrt hat – nicht alleine, wie sich im Laufe des langen Abends herausstellen wird. Die Musik nimmt wieder ihren Lauf. Ja der Krebs will heute tanzen, durch den Sand und durch die Nacht… 
Während im Süden also seit Samstag wieder die Sonne scheint, bin ich seit Freitagabend wieder in der großen Stadt und habe das Wochenende eher unmusikalisch im kalten Regen Taipeis mit dem Abtragen von Hausaufgabenbergen zugebracht.
Liebe Grüße und noch einmal ein erfolgreiches Jahr des Tigers an euch alle!
Kerstin
PS Am Donnerstag bekomme ich wieder Besuch aus Deutschland (Juchuh!) - höchstwahrscheinlich wird also eine Weile Funkstille herrschen.
Am Rande: Die schon einmal erwähnte Tageszeitung Taipei Times hat augenscheinlich eine Vorliebe für Fotos südkoreanischer Soldaten beim Training. Mal springen sie in der Gruppe händchenhaltend ins eisige Meer, mal tanzen sie auf dem Schlachtschiff zu sorry sorry sorry (kein Witz!). Immer aber sehen sie dabei sehr gut aus - und immer haben die Bilder absolut nichts mit den sie umgebenden Artikeln zu tun...
Freitag, 12. Februar 2010
Eine Woche voller Prüfungen geht zu Ende und ich bin fix und fertig – und glücklich, weil ich nun eine ganze Woche frei bekomme. Am morgigen Samstag ist nämlich der letzte Tag des chinesischen Mondjahres, am Sonntag beginnt das Jahr des Tigers. Da das chinesische Neujahr in seiner gesellschaftlichen Bedeutung ungefähr unserem Weihnachtsfest entspricht, muss in der nächsten Woche niemand arbeiten - oder lernen. Soweit es nur irgend geht, fährt jeder Taiwanese (oder auch Chinese) in dieser Zeit zu seiner Familie. Man sagt, Taipei verliere in dieser Woche über die Hälfte seiner Einwohner, so gut wie alle Läden haben geschlossen. Diese Geisterstadt werde ich allerdings nicht erleben, da ich morgen früh mit 1,5 Millionen anderen nomadierenden Hauptstädtern gemeinsam per Bus Richtung Süden aufbrechen werde. Ich werde die Feiertage wie es sich gehört mit meiner (Gast)familie in Tainan bzw. zum Teil mit den (Gast)großeltern in Pingdong verbringen. Selbstverständlich werde ich berichten! Und: Ich freue mich schon auf den Stau.
Das kommende Neujahr kündigt sich schon seit Wochen unübersehbar an. Es ist ein bisschen wie Adventszeit – und doch wieder ganz anders. Einige Läden haben Lichterketten aufgehängt, die ganze Stadt ist von einem roten Teppich Glück ausdünstender Dekoration überzogen. An allen Ecken prangen Fische, Drachen, Tiger und verschiedenste Schriftzeichen, die das Glück in all seinen Variationen herbeirufen. In den Restaurants gibt es besonderes Essen, an den Straßenständen besonderes Gebäck und in den Supermärkten stapeln sich die überdimensionalen Geschenkkartons voll besonderer Leckereien. Vorfreude liegt in der Luft. Die Menschen sind ausgelassener, noch freundlicher als sonst. Und doch ist es ganz anders als die Vorweihnachtszeit... Besinnlichkeit ist kein sehr chinesisches Konzept. Mein bevorzugtes Online-Lexikon, das nach eigenen Angaben inzwischen „145096 chinesische Einträge“ enthält, kennt nicht einmal eine Übersetzung für diesen Begriff. Feiertage haben hier renao zu sein, was so viel heißt wie laut und lebendig.
Dementsprechend verhält sich auch die chinesische Version eines Weihnachtsmarktes. Nach Abschluss meiner letzten Prüfungen am Donnerstag bin ich mit einem ganzen Haufen Kommilitonen zu einer der ältesten Straßen Taipeis gefahren. In dieser werden traditionelle chinesische Medizin sowie verschiedenste Leckereien verkauft. Auch zu normalen Zeiten schon ziemlich belebt, wird die Dihua Straße in den Wochen vor dem chinesischen Neujahr zu einem Getümmel, das jeden Weihnachtsmarkt übertrifft. Zusätzlich zu den schon vorhandenen Läden drängt sich nun Stand an Stand. Marktschreier mit Megafonen in der Hand erheben sich aus dem Menschenmeer empor, indem sie mitten in der engen Gasse Leitern aufstellen. Verkaufsassistenten in Kostümen aller Art versuchen Passanten mit schmeichelnden Worten oder auch handfesten Gesten zu bestimmten Ständen zu treiben, strandgutgleich bleibt einem nichts anderes, als sich von der Menge mitspülen zu lassen. Links getrocknete Tintenfische, rechts gigantische Säcke voll Haselnuss und Mandelkern, ein Stückchen weiter links taiwanesischer Oolong Tee, rechts riesige Bottiche mit echt deutschen Gummi-Süßigkeiten. Alles was an Ess- oder Trinkbarem angeboten wird, kann man vor dem Kauf auch probieren, ein unablässiger Reizfluss also nicht nur für Augen und Ohren, sondern auch für die Zunge.
Das Jahr des Tigers also. Die 12 chinesischen Tierkreiszeichen haben hier immer noch eine relativ große Bedeutung. Nicht nur in privaten Liebesangelegenheiten, auch bei der Besetzung wichtiger Stellen werden die Tierkreiszeichen mit berücksichtigt. Anscheinend korreliert selbst die Geburtenrate Taiwans mit den 12 Patenwesen. So steigt die extrem niedrige Geburtenrate Formosas zur Freude hiesiger Politiker wenigstens in den Jahren, die Glück verheißenden Tieren zugeordnet sind. Wer möchte schließlich nicht einen starken kleinen Drachen oder ein glückliches kleines Schwein als Kind haben? In diesem Jahr allerdings dürfte diese Rate, zumindest wenn meine Lehrerin Recht behalten sollte, noch tiefer als sonst sinken. Tiger gelten zwar als starke, aber auch sehr eigensinnige Wesen. Ein Tiger zu sein, bringt viele Unannehmlichkeiten mit sich. Weil der Geist des Tigers so stark ist, dass er schwache Wesen verletzen kann, ist er bei Anfängen aller Art ungern gesehen. Tiger dürfen an Hochzeiten wenn überhaupt nur am Rande teilnehmen. In die Nähe des Brautpaars oder gar in deren Zimmer dürfen sie auf keinen Fall. Am (Wochen-)bett frisch gebackener Mütter haben sie ebenfalls nichts zu suchen. Bevor man sich also so einen kleinen Tiger ins Haus holt, wartet man doch lieber noch ein paar Monate mit dem Kinderkriegen.
Mein Jahr beginnt jedenfalls trotz Tiger schon einmal unter guten Vorzeichen, bzw. mit gutem Karma. Letzten Sonntagnachmittag war ich in einem Park in meinem Viertel um mit allerlei mir anfangs fremder Menschen, zum größten Teil wohl als Hippies zu bezeichnen, gemeinsam zu essen, zu reden, zu singen. Nach einem Nachmittag voll anregender Gespräche mit Menschen aller Nationen, Altersgruppen und Lebensläufe hat mich einer meiner neuen Bekannten gleich zu einem Meditationskurs mitgenommen, an dem er Sonntagabends regelmäßig teilnimmt. Bevor es mit der Meditation losging, haben alle Teilnehmer gemeinsam Tee getrunken. Weil alles andere sehr unhöflich gewesen wäre, habe ich mit der jungen taiwanesischen Frau, die neben mir auf dem Boden saß, ein Gespräch angefangen. Kurz darauf haben wir die meditative Atmosphäre zerrissen, mit Schreien, wie sie wohl nur Mädchen hervorbringen können. Der Grund? Spring, wie sie auf Englisch heißt, hat mehrere Jahre in London mit der Tochter guter Freunde meiner Eltern in einer WG zusammen gewohnt. Weil diese Tochter sehr nett ist, hatte sie, als ich einsam nach Taipei kam, den Kontakt zwischen Spring und mir hergestellt. Seit Monaten hatten wir uns immer mal wieder geschrieben, uns gegenseitig zu unseren Partys eingeladen, aber wie das nun mal gerne so ist, hatte das mit einem Treffen nie geklappt. Bis wir an diesem Sonntagabend unter den nicht ganz 3 Millionen Einwohnern Taipeis unerwartet zueinander fanden. Nicht nur unsere, sondern auch die Freude aller Umsitzenden war groß, gemeinsam stießen wir mit Pu-Erh-Tee auf unsere gute Karma-Verbindung an.
Ein frohes Neues bzw. xinnian kuaile und ebenfalls gutes Karma euch allen!
Kerstin
Am Rande: Wo wir heute beim Thema Rot sind: alle in den 80ern Geborenen gehören hier der Erdbeergeneration an. Das hat nichts mit Tier- oder etwaigen Obstkreiszeichen zu tun, die Erdbeere gehört in die Reihe Golf, X und Praktikum. Weder aufgrund unseres ansprechenden Äußeren noch unseres süßen Inneren werden wir jedoch so genannt… Erdbeeren kommen bekannterweise häufig aus geschützten Gewächshäusern und dellen schon beim kleinsten Druck ein. Hmpf.
Samstag, 6. Februar 2010
Zum ersten Mal seit einigen Jahren bin ich plötzlich wieder die Deutsche. Meine Freunde hier sind größtenteils Amerikaner, dazu ein paar Taiwanesen und ein, zwei Europäer. Was ich anziehe, was ich esse, was ich sage, was ich tue – alles wird zu einer Repräsentation der Deutschen. Deutsche ziehen sich eleganter an als Amerikaner und bodenständiger als Taiwanesen. Deutsche essen gesünder sowohl als Amerikaner als auch Taiwanesen. Deutsche sind pünktlich, zuverlässig und fleißig. Deutsche mögen Ironie. Deutsche trinken gerne Bier. Deutsche sind höflicher und zurückhaltender als Amerikaner und direkter und offener als Asiaten: ich bin ein wandelndes Stereotyp. Manchmal ist es anstrengend, für 80 Millionen andere zu stehen, welch eine Verantwortung. Es kann allerdings auch befreiend sein, wenn persönliche Eigenheiten plötzlich der nationalen Identität zugeschrieben werden. Dadurch wird vieles ungefragt akzeptiert: naja, so sind sie halt, die Deutschen.
Es ist allerdings keineswegs nur so, dass andere mich durch eine schwarz-rot-gold gefärbte Brille hindurch betrachten. Vielmehr bemerke ich an mir selbst Tendenzen, mich in die Deutschen-Schablone hineinzuquetschen. Immer wieder bestärke ich selbst die Vorurteile (of course (I'm on time / like cake...), I’m German). So trinke ich beispielsweise hier häufiger Bier als in Deutschland – was zwar auch an der Mädchenbierhaftigkeit der hiesigen Marken liegen mag, aber eben auch daran, dass man das als Deutsche(r) so macht. Es wird von mir hier nicht anders erwartet und in einer seltsam verqueren Logik gibt es mir ein Zugehörigkeit Gefühl zu EUCH, die ihr das hier liest, derartige Erwartung zu erfüllen. Es grenzt mich ab von puritanischen Amerikanern wie alkoholunverträglichen Taiwanesen. Das Biertrinken soll an dieser Stelle selbstverständlich nur als besonders anschauliches Beispiel dienen, der beschriebene Prozess lässt sich auf alles mögliche andere übertragen.
Ich bin hier nicht nur German, sondern gleich crazy German. Besonders Amerikaner scheinen der Meinung zu sein, dass Germans vor allem durch dieses eine Adjektiv zu beschreiben sind. Selbst dieses Vorurteil schaffe ich, zu erfüllen, was zugegebenermaßen auch nicht besonders schwierig ist. Als der ICLP Karaoke-Kurs eines Freitagabends endlich einmal gemeinsam in einen echten Karaoke-Club gegangen ist um das Geübte anzuwenden, habe ich alle Vorurteile bestätigt. Ich habe a. (ein?) Bier getrunken und war b. dafür zuständig, die Biere aller anderen Biertrinker zu öffnen, weil mangels Flaschenöffner kein anderer dazu in der Lage war. Die crazy German, die Bierflaschen ua mit Essstäbchen öffnet, hat alle schwer beeindruckt. Auch die Geschichte von dem crazy German alcohol, die ich einem Mitstudenten zu seinem 21. Geburtstag geschenkt habe, hat schon die Runde gemacht (ein 0,02L Fläschchen Schwarzwälder Kirschwasser…). Rückzug in das Boot nationale Identität im stürmischen Meer der Kontingenzen... da kann ich mich in Deutschland noch so sehr als Europäer oder Weltbürger fühlen, und doch brauche ich hier in der Fremde anscheinend eine geistige Form von Heimat – und sei sie noch so schwammig definiert.
Wisst ihr, was ich in Sachen Heimat im Moment am meisten vermisse? Von Menschen abgesehen, meine ich. Nein, es sind weder Brezeln noch Kartoffelgerichte… und noch nicht einmal der sonnengereifte badische Wein. Es ist der Schwarzwald und die Rheinebene. Also sogar so etwas wie konkrete „Heimat“. Vor kurzem war ich hier im größten Park der Stadt joggen, wie meistens unter bewölktem Himmel, von Autolärm und Menschen umgeben. An einem Ende des Parks gibt es eine kleine Inlineskatefläche. Wie eine Eisbahn nur eben ohne Eis. Ich stand dort ein Weilchen und schaute den Kindern beim Fahren zu. Dabei spürte ich nicht nur mein Herz, sondern meinen ganzen Körper schwer werden. Wie viele Sonntage habe ich damit verbracht, stundenlang unter der Freiburger Sonne mit meinen Inlineskates durch die Gegend zu fahren? Einfach aus der Haustür raus, an der Dreisam entlang und darüber hinaus, je nach Laune Richtung Schwarzwald oder Richtung Rheinebene und Frankreich. Durch Felder, Wälder, Wiesen und Dörfer, einfach so, kilometerweit, bis ich entweder keine Lust oder Luft mehr hatte. Diese Bilder und das damit verbundene Gefühl von Freiheit in meinem Kopf passten so gar nicht zu der kleinen, von Menschen überfüllten Betonfläche vor meinen Augen.
Um fair zu sein: auch in Taipei gibt es nicht nur einen, sondern gleich mehrere Flüsse. Auch an diesen führen Radwege entlang, die zumindest streckenweise für eine Großstadt auch anständig von grün umgeben sind. Aber die großen Freeways sind nie fern und vor allem am Wochenende die anderen Ausflügler auch nicht. Um mich ein wenig von meinem Skate-Entzug abzulenken, bin ich letzten Samstag mehrere Stunden lang alleine am Danshui-Fluss entlang gefahren. Oder eben ganz und gar nicht alleine. Das Radfahren in Kolonne hat es nicht geschafft, mir meine Sehnsucht zu nehmen.
Heute, Samstag, habe ich den Nachmittag und Abend in einem meiner Lieblings-Cafés zugebracht, um a. dem Regen und b. meinem kleinen Zimmer zu entfliehen während ich mich auf meine Midterm-Prüfungen nächste Woche vorbereite. Da das Konzept Café aus Europa importiert ist, ist auch dieses Café wie die meisten hier sehr europäisch anmutend. In gepolsterten Ledersesseln an Holztischen mit grünen Glaslampen darauf, umgeben von Regalen voller Bücher, Jazz und Klassik im Hintergrund, lässt es sich sich im La Bohème gut lernen. Und auch wenn die Bücher in diesem Café auf Chinesisch sind, sind es die meisten Autoren nicht: von Durkheim über Kundera bis zu Abhandlungen über das Genre Schwulenfilm im 20. Jh ist alles dabei, was man scheinbar als moderner Intellektueller so zu lesen hat. Eine Heimweh verdrängende Oase? Zumindest bis die Bedienung fragt, ob ich meinen Cappuccino warm oder kalt möchte.
Liebe Grüße aus Taipei!
Kerstin
PS. Na klar, Deutsche sind gerne draußen in der freien Natur. Und gerne alleine. PPS. Taipei gefällt mir trotz allem immer noch sehr gut.
Am Rande: Die Taipei Times, große englischsprachige Tageszeitung, bringt uns täglich neben der Wettervorhersage auch die aktuelle lunar prophesy – also das, was laut chinesischem Mondkalender an diesem Tag unter einem oder keinem besonders guten Stern steht. Da steht dann zum Beispiel: Today is a good day for: Cutting cloth for a bride’s dress, bathing, oder: Today is a bad day for: removing mourning clothes, all auspicious activities. Neulich standen wir eines montagmorgens im Aufenthaltsraum der Uni und erfuhren die Tagesagenda: Today is a good day for: putting people in coffins.
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