Am Montag hatte ich also – knapp zwei Tage nach meiner Ankunft hier in Taipei – meinen ersten Tag an der National Taiwan University, kurz NTU oder besser (also chinesisch kurz): Taida.
Du meine Güte, habe gerade NTU gegoogelt… die Nanyang Technological University in Singapur geht ja noch, aber selbst die Niedersächsische Taekwondo Union und die in der Wasseraufbereitung verwendete Einheit Nephelometric Turbidity Unit kommen noch vor meiner Uni… dabei ist sie doch eine Hochschule von Weltrang! Wirklich! Möchte man ominösen Webstatistiken Glauben schenken (z.B. http://www.webometrics.info/top6000.asp), ist die Taida nach Tokyo die zweitbeste Uni Asiens und die 26ste auf der Welt – weit vor der ersten deutschen Uni (Berlin auf Platz 84). Nun gut – die Freiburger unter euch kennen sich ja aus mit Rankings und der guten alten „Exzellenz“
Nun bin ich aber nicht nur an einer Elite-Uni, sonder innerhalb dieser Uni auch noch in einem selbsternannten Elite-Programm eingeschrieben… das sage ich euch an dieser Stelle, damit ihr mir nach diesem oder voraussichtlich auch einigen der nächsten Einträgen ein liebevolles Selber Schuld! über den Ozean schicken könnt.
Der erste Tag also, der wie alle kommenden Tage in diesem Semester morgens um 8 begann. Da ich im Moment noch nicht in der Nähe der Uni wohne, hieß das (und heißt weiter) um 6.30 aus dem Hostel zu gehen und mich durch die Schwüle und den Staub der Stadt hindurch zu Fuß und via von uniformierten Schülern überfüllter U-Bahn zur Uni zu begeben. Auch wenn die Erzähldynamik an dieser Stelle eine weitere Steigerung meiner Qualen erfordern würde: die Lernbedingungen sind tatsächlich phänomenal. Ich habe vier Kurse pro Tag, pro Kurs eine Stunde, jeweils fünf Mal pro Woche. Davon 2 Kurse zu viert, einen zu dritt und einen alleine (!). Unterteilt sind die Kurse nicht klassisch nach Grammatik, Schrift und so weiter, sondern nach Themen, da die Uni (zu Recht) davon ausgeht, dass man eine Sprache anhand interessanter Texte am besten lernt. Also lerne ich so einiges über die Chinesische Kultur, das heutige Taiwan und höre mir Neue Radiohörstücke an. Der Einzelunterricht hat kein eigenes Lehrbuch. Bis jetzt sind alle meine Lehrer gut. Auf dem gesamten Gebiet der Sprachabteilung darf zudem ausschließlich Chinesisch gesprochen werden – unter Androhung einer selbst auszuwählenden Strafe… Und im Unterricht darf weder ein Lexikon noch ein Lehrbuch verwendet werden. Womit wir so langsam wieder in Richtung Spannungsbogen kommen… wenn die Texte, die im Unterricht behandelt werden, während desselben nicht vorliegen dürfen, heißt das natürlich, dass die Lernenden extrem gut vorbereitet sein müssen. Nur für den einen Kurs über die chinesische Kultur hieß das also z.B. von Montag auf Dienstag die ersten 4 Seiten des Lehrbuchs so durchzuarbeiten, dass sie präsent sind – inklusive ca. 50 (in Worten: fünfzig!) neuer Vokabeln. Die Englisch- oder Spanisch-Lernenden unter euch mögen nun so was denken wie, uff, klingt schon irgendwie nach viel – dann denkt aber noch eine Stufe weiter. Denkt an für Europäer vollkommen fremde Wortstämme. Denkt vor allem an Schriftzeichen. So gut wie keines der neuen Wörter ist einsilbig, denkt also an 2 und mehr Schriftzeichen pro Wort. Wörter, die zudem noch zwar sehr wichtige, aber nicht gerade einfache Vokabeln sind (Analyse, Basis, Prinzip, Institution und dergleichen). Und dann denkt an noch 2 Kurse. So – und jetzt das du hast es nicht anders gewollt, bitte
Zusätzlich kann man sich noch weitere Kurse wie z.B. Kalligraphie aussuchen, die nur einmal pro Woche stattfinden – werde ich natürlich auch tun, keine Frage. Und sei es nur, um euch davon berichten zu können.
Zu meinen Mitschülern (insgesamt um die 80 Stück) kann ich noch nicht sooo viel sagen, bin ja noch nicht so lange da. Die absolute Mehrheit sind wie erwartet junge (verwöhnte? Oder bilde ich mir das ein eben weil erwartet?) Amerikaner Anfang 20, es gibt aber z.B auch den britischen Polizisten, der seit 17 Jahren in Hongkong stationiert ist oder die amerikanische Mittsechzigerin und Kunstprofessorin, die nach jahrelangen Streifzügen durch diverse Städte und Klöster von Paris bis Indien schließlich vor mehreren Jahren hier in Taiwan gelandet ist. Oder die 18-Jährige Tochter eines Deutschen und einer Taiwanesin, die in Spanien aufgewachsen ist. Es verspricht also, spannend zu werden!
So stay tuned to this station and goodbye for now…
Kerstin
Notiz am Rande: Unter meinen Mitschülern sind extrem viele mit mindestens einem taiwanesischen oder chinesischen Elternteil… Und die mühen sich fast genauso ab wie der Rest von uns… Liebe zweisprachigen Paare unter euch: erzieht eure Kinder soweit es nur irgend geht zweisprachig!!
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