Die ganze Stadt ist mit Flaggen übersäht. Grund: Heute ist Doppelzehntag. So nennt man hier den Nationalfeiertag der Republik China, wie Taiwans offizieller Name lautet (nur zur Erinnerung: das Land auf der anderen Seite der Straße von Taiwan heißt Volksrepublik China). Am 10.10.1911 fand in China ein bedeutender Aufstand statt, der letztlich zur Ablösung der letzten chinesischen Dynastie führte. Auf diese Dynastie, die Qing-Dynastie, folgte die Republik China, die am 1.01.1912 gegründet wurde und deren Regierung sich 1949 (nach dem Verlust des Bürgerkrieges gegen die kommunistische Partei) auf die Insel Taiwan zurückziehen musste. An diesem Datum beginnt auch die taiwanesische Zeitrechnung – wir befinden uns hier also momentan im Jahr 98 der Republik.
Dementsprechend bin ich hier eine alte 69erin, wie ihr auf meinem Studentenausweis erkennen könnt:

Das über dem Geburtsdatum ist übrigens mein Name 
Zum Glück wurde die Republik zufälligerweise am 1.01. gegründet und außer für die Berechnung von Feiertagen wie Mondfest oder Neujahr wird im Allgemeinen das Sonnenjahr verwendet, so dass ich wenigstens meinen Geburtstag und -monat beibehalten darf. Allerdings bin ich hier leider ein Jahr älter, da das Geburtsjahr mitgezählt wird.
Zum Stand meiner Wohnungssuche: Habe mir inzwischen 10 Zimmer angeschaut, was einen Schnitt von 1 Zimmer pro Tag ergibt (das Wochenende in Tainan zähle ich mal nicht mit). Das Ergebnis: ich habe keine Lust mehr. Das Wohnungssuchen an sich ist eine spannende Angelegenheit (dazu mehr, wenn ich endlich von meinem eigenen Zimmer aus schreibe – vorher möchte ich nicht weiter daran denken), aber ich mag nicht mehr aus meinem Koffer leben, und auch nicht in einem fremden Zimmer hausen, so nett die Familie bei der ich gerade wohne auch sein mag. Außerdem kostet das Wohnungssuchen extrem viel Zeit (von Energie ganz zu schweigen). Taipei ist nicht Freiburg, weshalb ich oft gut eine Stunde brauche, um das zu besichtigende Zimmer überhaupt zu erreichen… wodurch ich schon jetzt in meinem Lernpensum hinterherhinke (nur, um an dieser Stelle noch einmal jammern zu können:).
Kurzer Sinn: Gestern Abend habe ich einer WG hier zugesagt, dass ich bei ihnen einziehe. Ich glaube es selber noch nicht so ganz, weil ich nur kurz am Telefon zugesagt habe und nichts schriftlich habe und außerdem nicht so hundertprozentig von meiner Wahl überzeugt bin, aber ich glaube, dass ich damit ein Zimmer habe. Jetzt wo ich es schreibe, wird es schon ein bisschen wirklicher: Ich habe ein Zimmer! In das ich Mitte nächster Woche einziehen kann! Ein eigenes Zimmer!!
Es ist in einer 3er WG, die an sich von der Wohnung her nicht spektakulär ist, man könnte sie höchstens euphemistisch als Taipei-typisch bezeichnen. Was bei näherer Betrachtung jedoch alles andere als ein Kompliment ist. Ausschlaggebend für meine Wahl waren daher die Lage sowie die Mitbewohner… wobei ich mir bei letzteren auch noch nicht so sicher bin, aber das muss sich einfach zeigen. Es ist ja auch nur für ein Jahr. Es sind jedenfalls eine Amerikanerin und eine Taiwanesin, beide Englischlehrerinnen. Die Lage der Wohnung ist allerdings wirklich nicht schlecht – mitten im extrem lebendigen Viertel um die größte Uni Taipeis herum (nicht meine Uni – mit dem Fahrrad, das ich bald besorgen werde, sind es von dort allerdings nur um die 10 Minuten bis zu meiner Uni). In diesem Viertel liegt ein Minirestaurant mit leckerem Essen neben dem anderen, dazwischen Buchläden und andere auf Studenten zugeschnittene Läden. Nachts wird das Viertel zu einem von Taiwans berühmten Nachtmärkten, auf denen von Snacks aller Art über billige Kleidung bis hin zu kleinen Haustieren alles mögliche mal mehr, mal weniger legal angeboten wird.
Und, Riesenbonus: das Haus hat eine Dachterrasse mit ein paar Pflanzen und zumindest nachts spektakulärer Aussicht unter anderem auf das 101 (Taipeis höchstes Gebäude mit, Überraschung, 101 Stockwerken).
Und, noch ein Riesenbonus: Die Mitbewohner sind Besuch, auch längerem Besuch aus Deutschland, gegenüber extrem aufgeschlossen. 
Ansonsten ist eigentlich alles in Ordnung hier bei mir – bis auf die Tatsache, dass sich nun nach Erdbeben und Taifunen die dritte Panikwelle seit meiner Ankunft vor zwei Wochen ausbreitet: H1N1, auch bekannt als Schweinegrippe (an dieser Stelle einen lieben Gruß an Merle in Berlin!). Nachdem schon länger an allen möglichen und unmöglichen Stellen in der Öffentlichkeit Desinfektionsmittel zur allgemeinen Benutzung aufgestellt sind, Gesichtsmasken ein weit verbreitetes Accessoire sind und Hustenanfälle beizeiten zu panischen Fluchtbewegungen der Umstehenden führen, hat die (Panik-?)Epidemie nun scheinbar auch mein kleines Reich erreicht. Gestern Abend habe ich eine als dringend gekennzeichnete E-Mail von meinem Sprachzentrum an der Uni bekommen: Einer meiner Kommilitonen ist krank und es könnte theoretisch die Schweinegrippe sein – deshalb werden ab Montag Morgen fiebermessende Mitarbeiter am Eingang des Gebäudes stehen und jeden untersuchen, der das dasselbe betreten möchte. Ist die Temperatur zu hoch, heißt es nach alter Türstehermanier: Hier kommst du nischt rein. Des Weiteren gelten ab sofort diverse Sicherheitsmaßnahmen, so müssen wir nach jeder Benutzung eines Computers an der Uni sowohl die Maus als auch die Tastatur desinfizieren. Sollten wir uns auch nur ein bisschen unwohl fühlen, dürfen wir nur noch mit Atemmaske im Unterricht erscheinen.
Liebe – hoffentlich virenfreie - Grüße aus der Ferne!
Kerstin
PS: Sollte sich jemand über den Titel des Eintrags wundern: 591 ist die taiwanesische Kleinanzeigen-Webseite, die ich (unter anderem) für die Wohnungssuche verwendet habe 
Am Rande
Kaum schreibe ich von der Schweinegrippe, meint mein Laptop auch, krank werden zu müssen. Eigentlich wollte ich gestern Abend diesen Blogeintrag machen. Kaum hatte ich den Teil über H1N1 jedoch fertig geschrieben, lief die Festplatte plötzlich ganz heiß, alles blieb stehen und der Computer ließ sich auch mit Powerknopf nicht mehr ausschalten. Erst eine panische SMS nach Deutschland brachte die (eigentlich einfache aber spätnachts nicht unbedingt evidente) Heilung: Akku raus, Akku rein. Wenn das beim Menschen auch mal so einfach wäre...