Am Freitag Abend habe ich den Fehler begangen, auf dem Nachhauseweg noch einen Eistee von einem der zahlreichen Teestände, die auf meinem Weg liegen mitzunehmen. Nun weiß ich, was ich eigentlich vorher hätte wissen müssen: Frischer grüner Tee hält mindestens genauso gut wach wie starker Kaffee. Da ich die Nacht von Freitag auf Samstag folglich kaum geschlafen habe, stand ich das ganze Wochenende etwas neben mir. Vielleicht aber hat es der Zufall oder das Schicksal oder wie auch immer man es nennen mag leichter mit einem, wenn man zombiegleich durch den Tag schwimmt?
Wenn ich am Sonntag nicht zu erschöpft gewesen wäre, um mich zu wundern, hätte ich dasselbe jedefalls reichlich getan. Nach einem gemütlichen Sonntagmorgen mit etwas Vokabellernen und etwas mehr Ausruhen bin ich gegen Mittag Richtung Nationaltheater aufgebrochen. Dort ist gerade japanischer Monat / japanisches Jahr (?) angesagt und aus diesem Anlass führte eine japanische Truppe ein modernes Tanzstück auf, dass ich unbedingt sehen wollte. Da ich noch keine Karte hatte, war ich ziemlich früh vor Ort. Auf dem riesigen Platz, der sich zwischen Nationaltheater, Nationaler Konzerthalle und der in meinem Reiseführer als achtes Weltwunder bezeichneten Chiang-Kaishek-Gedächtnishalle auftut, fand gerade eine Art riesiger Wohltätigkeitsbasar statt. Unter rotweißen Baldachinen wurden an zahlreichen Ständen von verschiedenen Vereinen und Interessengruppen diverse Produkte für einen guten Zweck verkauft. Da diese Veranstaltung wohl nur einmal im Jahr stattfindet, habe ich wie es scheint gerade den richtigen Tag erwischt. Nachdem ich meine Theaterkarte erworben hatte, bummelte ich also zwischen den Ständen umher. Weil ich nicht mit leerem Magen ins Theater wollte, blieb ich bei einem Stand stehen, der ein gefülltes, herzhaftes Gebäck mit rätselhaftem Inhalt verkaufte. Aus meiner Frage, ob in den Faweibing Fleisch drin sei, ergab sich ein längeres Gespräch, an dessen Ende mir eine Dame vorgestellt wurde, die sich als Qigong-Lehrerin herausstellte, die ab November einen englischsprachigen Abendkurs anbieten wird. Schon seit meiner Ankunft suche ich nach einem Verein, in dem ich a. Leute kennenlernen und b. was typisch Chinesisches machen kann. Bisher allerdings wenig erfolgreich. Noch mehr gefreut habe ich mich, als ich erfahren habe, dass die Kurse in dem Stadtviertel, in dem ich wohne, stattfinden werden.
Das Tanzstück (übrigens von einer Gruppe, die sich in Ablehnung aller –ismen Noism nennt) hat mir sehr gut gefallen, allerdings ließ meine Konzentrationsfähigkeit bedauerlicherweise zu wünschen übrig. Nach dem Stück schaute ich mir draussen die letzten paar Stände an. Da das erste Gebäckstück zwar sehr lecker aber nicht sättigend gewesen war, blieb ich wieder bei einem Stand mit einer anderen Art gefüllter Teigtaschen stehen. Und wieder dasselbe Spiel: Aus meiner Frage nach dem Inhalt der Baozi ergab sich ein Gespräch, in dessen Verlauf eine der Organisatorinnen des Basars als Übersetzungshilfe herbeigeholt wurde, weil mein Chinesisch noch nicht für alle Zutaten reicht. Die Frau stellte sich letztendlich als Teilzeitmitarbeiterin meines Sprachprogramms heraus. Nur am Rande: in Taipei kann man an diversen Unis Chinesisch lernen, und mein Programm ist mit seinen 80 Studenten pro Jahr mit Abstand das kleinste von allen. Jedenfalls wird diese Dame mich, da ich ja so gerne Tanz ansehe, in Zukunft auf dem Laufenden halten was Vorführungen traditioneller Tänze etc. angeht.
Bauchgefühl im wahrsten Sinne des Wortes 

Auf dem Nachhauseweg ging ich auf dem Weg von der Metro nach Hause noch einen kleinen Umweg. Ich hoffte, auf ein nettes Kaffee- oder Teehaus zu stoßen, um mich dort später meinen Hausaufgaben widmen zu koennen, da ich zu Hause ganz sicher dabei eingeschlafen wäre. Ich ärgerte mich dabei ein bisschen über mich selber: einer meiner Mitstudenten, einer der beiden anderen Deutschen, hatte mir vor einer Woche mal erzählt, er komme immer in dieses Viertel in ein besonders nettes Café – und ich Dödel hatte mir den Namen desselben nicht gemerkt. Auf der Straße wurde ich plötzlich mit Namen angesprochen von – richtig – Johann, dem Café-Empfehler. Ich möchte an dieser Stelle auch wieder nur kurz erwähnen, dass Taibei immerhin 2,7 Millionen Einwohner hat und es durchaus auch andere für Studenten attraktive Viertel gibt. Und dass das Viertel in dem wir gerade waren durchgehend von Menschenmassen gefüllt ist. Nach einem kurzen Mittagsschlaf zu Hause machte ich mich also auf Richtung Café – begleitet von meiner neuen Mitbewohnerin, die mir ein noch tolleres Café zeigen wollte. Ich folgte ihrer Empfehlung, die Bedienung wies mir einen, den letzten, freien Tisch zu. Und wer sitzt neben mir? Die beiden anderen Mädels aus meinem Sprachprogramm, die bereits ihren Abschluss haben und die mir sowohl alters- als auch interessentechnisch näher zu stehen scheinen als die meisten anderen – mit denen ich schon länger mal ins Gespräch kommen wollte, wozu aber bisher die Gelegenheit fehlte. 
In diesem letzen Abschnitt sind gleich zwei wichtige Stichworte gefallen auf die ich hier kurz eingehen möchte:
1. Mitstudenten. Mein erster Eindruck hat sich gottseidank relativiert, es sind zwar auch einige Klischeevertreter dabei, aber insgesamt ist es doch eine buntere Mischung an Leuten, als es zunächst schien. Da gibt es sicherlich noch so einiges zu entdecken – ich freue mich jedenfalls auf das gegenseitige Kennenlernen. Kurze Statistik zu Äußerlichkeiten (da ich sonst noch nicht besonders viel sagen kann): Zu mindestens 90% Amerikaner, daneben außer mir noch zwei Deutsche, ein Engländer, eine Japanerin, mindestens eine Französin und eine Weißrussin. Und wer weiß, wen ich alles noch nicht kennen gelernt habe. Auffallend ist die Dichte an Harvard-Yale-MIT-etc-Studenten, ich komme mir langsam schon minderwertig vor, da kann sich meine Alma Mater Elite-Uni nennen so viel sie will. Selbst die Nichtamerikaner bilden keine Ausnahme – so studiert der eine Deutsche in Harvard und die Französin in Oxford… Ansonsten sind wie bereits erwähnt ca. 50% ABCs, also in den USA geborene oder aufgewachsene Chinesen / Taiwanesen, die nun endlich die Sprache ihrer Eltern richtig sprechen lernen wollen. Letztere tun mir ein bisschen leid, weil von ihnen im Gegensatz zu uns nicht-Asiaten auf der Straße erwartet wird, dass sie Chinesisch sprechen Im Gegensatz zu ihren blonden Kommilitonen werden sie nicht ständig für ihr Chinesisch gelobt sondern schief angeguckt, weil sie es nicht beherrschen.
2. Mitbewohner. Ja, ich habe jetzt Mitbewohner! Sprich: ich habe auch ein Zimmer!! Endlich, endlich, endlich, ihr könnt euch kaum vorstellen, wir erleichternd es ist, einen Raum für mich zu haben. Ich bin am Donnerstag Abend eingezogen und habe am Wochenende direkt mit dem Dekorieren begonnen, um mir eine kleine europäische bzw. noch viel mehr persönliche Oase in Taipei zu schaffen. Pflanzen, Bettbezüge, Wandfarbe: wenn schon, dann auch richtig!
Meine beiden Mitbewohner, Karen aus den USA und Theresa aus Taiwan, scheinen immer noch sehr nett zu sein, ich habe bisher allerdings noch nicht so richtig viel mit ihnen zu tun gehabt. Bisher kann ich nur sagen, dass Karen sehr gerne und sehr viel redet und Theresa fuer taiwanesische Verhaeltnisse sehr offen ist.
Die Nachbarn habe ich auch schon kennengelernt, ich muss wohl ein leider einfuegen... Ca. eine halbe Stunde nachdem ich eingezogen war (ich war home alone), klingelte es - und auf mein unvorsichtiges Tueroeffnen folgte ein 45-minuetiger Redeschwall einer kleinen taiwanesischen Dame. Ich hielt sie zunaechst fuer die Vermieterin, weil sie sich ueber die Schuhe beschwerte, die einen unordentlichen Haufen neben der Eingangstuer bildeten. Aber nein, sie war nur die besorgte Nachbarin aus einem Stock ueber unserem (dem 4.). Ausser den Schuhen hatte sie noch den Zustand des Sofas sowie des gesamten Wohnzimmers, das sie hinter mir erblicken konnte, zu beanstanden. Nachdem sie sich an mir vorbeigedraengt hatte, kam der Zustand der Kueche dazu (ihr seid doch jetzt drei Frauen hier, oder??). Ausserdem sollten wir unserem Vermieter doch ganz dringend mal sagen, dass eines unserer Tuerschloesser und die Tuer zum Balkon kaputt seien. Und wir sollten doch unseren Freunden sagen, dass sie abends nicht so laut reden sollen. Und den zweiten Fernseher, der doch bestimmt kaputt sei, koennten wir doch mal wegschmeissen. Und ich solle die Kratzer auf dem Boden fotografieren. Ich erspare euch mal den Rest - jedenfalls nahmen ihre Kritikpunkte kein Ende... den mehrfach vorgebrachten Einwand meinerseits, dass ich erst seit 30 Minuten in dieser Wohnung leben wuerde, liess sie jedenfalls nicht gelten. Gerettet wurde ich von dem armen Maedel aus dem 5. Stock - sie kam nicht an unserem Stock vorbei: Sag mal, was macht ihr da bei euch oben eigentlich abends immer? Ich hoere euch immer hin und her laufen, den ganzen Abend, und her und hin und...
Als Abschluss ein Foto, das euch die nächtliche Sicht von meiner neuen Dachterrasse zeigt. Da mein Haus nur 7 Stockwerke hat, ist die Sicht nur bedingt spektakulär – mir gefällt sie jedoch. Das schmale Hochhaus im Hintergrund ist das bereits erwähnte 101, bis vor nicht allzu langer Zeit höchstes Gebäude der Welt.

Am Rande: Taiwanesen sind unglaublich freundliche Menschen - man kommt so leicht mit Leuten ins Gespraech! Neulich auf dem Weg zur Uni hat meine Frage nach einer bestimmten Strasse mir nicht nur eine Wegbegleterin auf dem Weg zur Uni, sondern ein 45minuetiges Gespraech mit einer netten aelteren Dame mit Hund eingebracht, an dessen Ende nicht nur eine Einladung zum Essen und die Aussicht auf die Vermittlung diverser Kontakte sondern sogar das Angebot eines geschenkten Fahrrads standen...